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Jacob

Letzte Änderung: 14.01.2008

Kapitel 1

„Tschüss, bis nachher“, sagte sie, “ich freue mich schon auf heute Abend.“
Nach einem langen Abschiedskuss öffnete Jacob leise die Wohnungstür. Es war dunkel und viele Hausbewohner genossen noch ihren Schlaf. Der blasse Halbmond war fast nicht zu sehen, es war bewölkt. Er lugte nur ein wenig hinter den schwarzen Wolken hervor. Sie bewegten sich schnell und gaben nur spärlich den Blick auf ihn frei. Jacob nahm kaum Notiz davon. Er ging zum Bahnhof, wie jeden Morgen. In zehn Minuten würde sein Zug kommen und ihn zur Arbeit bringen. Er war warm angezogen. In der Nacht war die Temperatur bereits unter den Gefrierpunkt gesunken. Es würde an diesem Tag zwar wärmer werden, aber die dicke Jacke brauchte er auch für den Heimweg. Es war Ende Oktober und, wenn er sich wieder auf den Weg nach Hause machen würde, auch wieder dunkel sein.
Als er den Bahnhof erreichte hatte er noch etwas Zeit. Langsam schlenderte er die Stufen hinunter. Der Tunnel führte zu den fünf Gleisen des kleinen Bahnhofs. Eins davon war schon seit geraumer Zeit abgesperrt und wurde nur noch für Durchfahrten benutzt. Jacob lief die Treppen zu seinem Bahnsteig hinauf. Einige Leute standen bereits da und warteten. Sein Zug war früh immer recht voll, aber selten so voll, dass er keinen Sitzplatz mehr abbekam. Außerdem wollten einige der Wartenden sicher mit dem Zug in die Gegenrichtung fahren, der immer 10 Minuten nach Jacobs Zug kam.
An diesem Tag kam Jacobs Zug pünktlich. Er hatte eine dreiviertel Stunde Weg vor sich. Jeden Tag verbrachte er anderthalb Stunden mit Zugfahren. In dieser Zeit las er entweder oder er schlief. Je nachdem, wann der letzte Tag geendet hatte. Oder wie lange er arbeitete. Er arbeitete überhaupt immer sehr lange. Meistens war er der erste, der morgens in dem Bürokomplex eintraf und der letzte, der ihn wieder verließ. Nur die Dame am Empfangstresen war bereits vor ihm da. Und natürlich der Hüne vom Sicherheitsdienst. Der war sowieso immer da, wenn Jacob kam oder ging. Er hatte sich schon oft gefragt, wie der Mann jede Nacht zwölf Stunden arbeiten konnte. Er hatte unmöglich Freizeit. Und sicher auch keine Familie. Wahrscheinlich ging er nach der Arbeit in seine kleine Einzimmerwohnung, wo er sich eine Mikrowellenmahlzeit warm machte. Wo er ein paar Stunden schlief, um sich dann am nächsten Tag in seinen kleinen Fiat zu quetschen. Jacob hatte ihn noch nie in ihm gesehen, aber jeder wusste wem er gehörte. In Jacobs Vorstellung war es ein grotesker Anblick. Als würde man eine Katze in einen viel zu engen Eimer stecken. Jacob hatte schon mehrmals überlegt eher zu gehen, sich auf die Lauer zu legen und abzuwarten bis der Hüne zu seiner Schicht einfuhr. Aber er hatte es bisher noch nicht getan.
Jacob stieg ein. Es war recht voll, aber er fand noch einen Sitzplatz im Fahrradabteil. Er stellte seinen blauen Rucksack ab, machte es sich bequem und schloss die Augen.
Die letzte Nacht hatte er gut geschlafen. Es war kalt und früh wallte der Nebel durch die Straßen. Für ein paar Tage im Herbst und im Frühling war das ein alljährliches Schauspiel. Meist verzog sich der Nebel erst nach einigen Stunden. Spätestens wenn die Sonne aufging wurden die Nebelseen wieder durch ihre wärmenden Strahlen getrocknet. Jacob mochte den Nebel, denn er verbarg all die hässlichen Gebäude in der Nachbarschaft. Die Neubauten auf der einen Seite, die halbverfallenen Gewächshäuser mit ihren zerbrochenen Scheiben und den Bahndamm auf der anderen. Manchmal war der Nebel so dicht, dass man nicht einmal den Boden aus dem fünften Stock sah, in dem Jacob wohnte. Er mochte es, so weit oben zu wohnen. Im Sommer versuchten die Schwalben ihre Nester an den Fenstern zu bauen. Die meisten Hausbewohner verscheuchten sie um den Dreck zu vermeiden, der dadurch entstand; Jacob tat das nicht. Es gab ihm ein gewisses Gefühl von Freiheit, mit den Vögeln auf einer Ebene zu residieren. Von hier oben hatte man einen tollen Ausblick, zumindest wenn man sich die Neubauten, den Bahndamm und die demolierten Gärten wegdachte. Solange man aber den Blick nicht zu weit hinunter schweifen lässt, war der Ausblick wahrlich zauberhaft. Einige hundert Meter von Jacobs Haus entfernt, hinter den Gärten, wallten sanfte Hügel auf. Vom Rest der Großstadt war dadurch praktisch nichts zu sehen. Das war auch einer der Gründe, warum Jacob überhaupt in die Vorstadt gezogen war und damit auch den langen Arbeitsweg in Kauf nehmen musste. An sich machte es ihm auch nichts aus, da er zu Hause sowieso üblicherweise allein war. Ab und zu hatte er eine neue Freundin, doch meistens hielten diese Techtelmechtel nicht allzu lange. Mehr als 6 Monate hatte bisher noch keine mit ihm durchgehalten. Allerdings machte sich Jacob nicht viel daraus. Frauen waren für ihn nicht so wichtig. Nach einigen Wochen wurden sie für ihn langweilig. Er stand schon mal kurz vor einer Verlobung, hatte sich aber nicht dazu durchringen können.
Jacob wachte auf. Bevor der Zug in den Hauptbahnhof einfuhr gab es meistens einen Ruck, der Jacob aufweckte. Er hatte sich bereits daran gewöhnt. Er öffnete die Augen nur einen Spalt breit. Etliche der Pendler machten sich bereit, auszusteigen sobald der Zug anhielt. Und etwa genau so viele würden auch wieder einsteigen. Jacobs Haltestelle kam erst vier Stationen später. Er beobachtete die Menschen, wie sie den Zug verließen: Mädchen, die kichernd in Grüppchen zur Tür gingen, Jungen, die den Mädchen hinterher schauten und arbeitende Bevölkerer, die teilweise ebenfalls den Mädchen hinterher starrten. Jacob interessierte sich nicht weiter dafür. Er schloss die Augen wieder und lauschte den Geräuschen des Bahnhofs. Zu Hause würde Vitória auf ihn warten. Er hatte sie vor reichlich einer Woche in der Disco kennengelernt. Eigentlich mochte Jacob keine Discos, aber nachdem er sich von Corinna getrennt ging er trotzdem hin. Wenn man es genau nimmt, hatte sich eigentlich Corinna von ihm getrennt. Sie hatte sich schon immer beschwert, dass er zu wenig Zeit mit ihr verbracht hatte und war eines Tages einfach verschwunden. Hinterlassen hatte sie nur einen Zettel, der kurz erklärte, dass sie ihn nie wieder sehen wolle. Was auch eingetreten war. An diesem Abend war Jacob ins nicht weit entfernte „Blue Diamond“ gegangen. Um einfach ein bisschen auf andere Gedanken zu kommen. Nicht, dass er Corinna sonderlich vermisste, aber ganz allein zu Hause war es ihm doch zu langweilig. Die meiste Zeit verbrachte er damit im Internet zu surfen oder zu programmieren. Wenn er eine Freundin hatte kamen auch noch andere Dinge dazu, aber meistens war er sowieso allein. Er mochte es auch nicht sonderlich unter Menschen zu sein. Er vertraute den Menschen nicht. Er konnte es sich nicht vorstellen Kreaturen zu vertrauen, die einander umbrachten, wegen Neid, Habgier, Religion oder einfach nur Mordlust. Wie kann es jemand mit sich verantworten ein Lebewesen zu töten, nur weil es an einen anderen, einen „falschen“ Gott glaubte? Selbst wenn sich das Gegenüber nicht konvertieren ließe; dann hatte er eben Pech. Man kann sich nicht um alles in der Welt kümmern. Jacob hatte das recht früh erkannt und damit begonnen, sich nur um sich selbst zu kümmern. Deshalb hatte er auch kein Vertrauen in andere. Täglich musste er in den Medien mit ansehen, wie sich andere gegenseitig massakrierten; das hatte ihn abgestumpft.
Im „Blue Diamond“ angekommen sah er sich zuerst um. Es war nicht viel los. Normalerweise war es gut besucht, aber unter der Woche hatten nur die Jugendlichen Zeit und Lust, die noch in die Schule gingen. Er legte seine schwarze Jacke ab und machte es sich an der Bar bequem. Jacob trank nur selten Alkohol und hatte eine Vorliebe für süße Mixgetränke. Martin kannte Jacob schon seit geraumer Zeit. Jacob war öfters im „Blue“ und sowas wie ein Stammgast. Er kam zwar nicht regelmäßig, war aber immer gern gesehen. Jacob verstand sich mit Martin recht gut. Und Martin hatte sich recht schnell damit abgefunden, dass Jacob stets alkoholfreie Drinks bestellte. Anfangs fand er es recht lustig in eine Disco zu marschieren und keinen Alkohol zu trinken. Jacob erklärte seine Abneigung mit „er schmeckt mir einfach nicht“. Für Martin war das neu. Aber er respektierte das. Jacob liebte Caipirinha, jedoch nach „seinem“ Rezept. Statt Cachaca de Carice bestellte er es immer mit Ginger Ale. Martin nannte das scherzhaft „Gingerinha“ und hatte es auch in seine Getränkeauswahl mit aufgenommen. Besonders gut kam es nicht an, aber mit Jacob hatte er immer einen Abnehmer. Gingerinha war immer das Erste, was Jacob bestellte. Martin wusste das und bereitete sie schon vor sobald er Jacob erblickte.
Jacob setzte sich an den Tresen und nahm die Gingerinha entgegen. Er nippte daran und war recht desinteressiert.
„Was ist los?“, fragte Martin.
„Corinna hat mich verlassen.“, antwortete er monoton. „Irgendwie hatte ich das schon geahnt.“
„Du wirst schon wieder eine Neue finden. He, der Drink geht aufs Haus.“
Jacob bedankte sich und trank erneut einen Schluck. An sich war er köstlich und angenehm kalt. Obwohl es draußen schon recht kühl war und der kurze, heiße Sommer sich schon vor Wochen verabschiedet hatte, genoss Jacob stets gekühlte Getränke. In seinem Kühlschrank war immer mindestens eine Cola zu finden und Eiswürfel hatte er auch immer parat. Viele seiner Freundinnen rieten ihm ab, seinem Magen stets gekühlte Getränke zuzumuten, doch er nahm das nicht ernst.
„Wie wär‘s denn mit der da?“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Jacob drehte sich um. Auf der Tanzfläche sah er eine junge Frau. Sie musste so um die zwanzig sein, also etwa in seinem Alter. Ihre langen, braunen Haare fielen in leichten Wellen von ihrem Gesicht herab. Sie war gut eineinhalb Köpfe kleiner als er und trug ein schwarzes, Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte und unten schräg angeschnitten war.  Sie war nicht schlank, aber auch nicht dick oder gar fett. Am Saum hatte es kleine Kordeln mit schwarzen Perlen und oben hatte es breite Träger und einen nicht allzu großen V-Ausschnitt, der ihre Brüste bedeckte. Alles in allem fand Jacob es etwas untypisch für die Disco. Aber es gefiel ihm. Er musterte die Fremde von oben bis unten. An ihren Füßen trug sie Knöchelspangen-Sandaletten mit hohen Absätzen. Jacob fragte sich, wie sie damit wohl ohne Unterkühlung der Füße bis hierher gekommen sei.
„Sprich sie doch an. Ihr Name ist Vitória. Sie ist solo.“, versicherte Martin. Jacob zögerte. Martin wusste genau, dass Jacob nicht der Typ war um in der Disco neue Freundinnen aufzugabeln. Trotzdem versuchte er immer wieder ihn aufzumuntern, wenn er wieder allein war.
„Nein, die ist nichts für mich.“, antwortete er.
„Warum nicht?“
„Die passt nicht zu mir.“
Martin wusste, dass das nur eine Masche von Jacob war, um sie nicht ansprechen zu müssen. Deshalb ließ er nicht locker. Meistens gewann Martin dieses „Spiel“.
„Quatsch sie doch mal an.“
„Nee…“
„Warum nicht? Die ist hübsch und sicher auch intelligent!“
„Dann hat sie ja mit mir nichts verloren…“
„Warum nicht? Du siehst auch nicht schlecht aus.“
Was nicht einmal gelogen war. Jacob war groß, nicht sonderlich groß, aber groß. Größer als ein Durchschnittsmann, aber auch nicht viel größer. Er war blond und hatte stahlblaue Augen. Er war schlank, hatte in letzter Zeit aber ein wenig zugenommen. Es machte sich aber nicht wirklich bemerkbar. Jacob wünschte sich immer ein wenig muskulöser zu sein, aber das scheiterte stets daran, dass er zu faul war Sport zu machen. Er hatte sich damit abgefunden, so zu sein, wie er war. Und es bereitete ihm auch keine Probleme Frauen kennenzulernen, wenn er nur wollte. Meistens waren sie erstaunt, dass ein Mann wie Jacob Programmierer war. Und auch als sie es herausfanden war es meistens keine Hürde. Nur hatte Jacob nur selten die Chance Frauen kennenzulernen, da er sich meistens zurückzog.
„Versuchs doch einfach.“; Martin ließ nicht locker. Jacob wusste, dass er sowieso keine Chance gegen einen Barkeeper hatte. Martin wusste wo sein Schwachpunkt war und Jacob wollte nicht, dass er es wieder austestete, ob er ihn wieder erreichen würde.
„Also gut, ich machs…“, antwortete er. Er stand auf, trank den Rest seiner Gingerinha aus und drehte sich um. Sie tanzte. Ihr Körper bewegte sich flott zu den Disco-Klängen. Jacob mochte die Disco so besonders, weil hier nicht Techno sondern Disco gespielt wurde. Achtziger und so. Außerdem war es nicht so laut; es war immer noch möglich, sich an der Bar zu unterhalten. Sie hatte eben Stil.
Jacob schritt langsam auf sie zu. Sie schwang mit ihren Hüften im Takt der Musik. Pet Shop Boys, Domino Dancing. Als Jacob sie fast erreicht hatte, schwang sie gekonnt um und schaute ihm direkt in die Augen. Jacob erschrak und war fast nach hinten gestolpert.
„Ich dachte schon, du würdest mich nie anquatschen!“, sagte sie und lächelte. Jacob versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort heraus. Bei diesem Anblick musste sie noch mehr lachen. Bevor Jacob wieder zu Sinnen kam schlang sie ihre Arme um ihn und drückte sich an ihn.
„Lust zu tanzen?“, war ihre überflüssige Frage. Natürlich hatte er Lust. Er konnte sie fühlen, ihren Duft riechen und ihren Atem an seinem Hals spüren. Obwohl er sie gerade erst kennengelernt hatte kam ihm alles seltsam bekannt vor. Irgendwie vertraut, so als würden sie schon ewig zusammen sein. Jacob wünschte sich, dass dieser Moment niemals vorübergehen würde. Komischerweise würde er dieser Frau sofort alles anvertrauen, einfach alles. Er schloss die Augen. War das der Himmel? Ein Traum? Jacob wusste es nicht. Jacob und Vitória begannen zu tanzen. Sie blieben aber nicht im Takt; ein langsamer Walzer hätte viel besser gepasst. Doch ohne sich dafür zu interessieren tanzten sie einfach vor sich hin. Bevor sie jedoch richtig zum Tanzen kamen drückte Vitória Jacob ein wenig von sich weg. Jacob blinzelte und ihre Blicke trafen sich. Jacob konnte sich in den Pupillen ihrer schwarzbraunen Augen spiegeln. Und Jacob lächelte ebenfalls.
„Lass uns was trinken und quatschen.“, sagte Vitória.
„Ok“, war Jacob kurze Antwort.
Hand in Hand gingen sie zum Tresen. Martins verschmitztes, schelmisches Lächeln machte Jacob verlegen. Er hatte es wieder einmal geschafft und kostete diesen Moment voll aus. Vitória zögerte als sie das sah: „Ihr kennt euch wohl besser? Du bist doch nicht etwa…schwul?“
Martin prustete los. „NEIN. Aber ja, wir kennen uns schon länger.“, antwortete er und blinzelte Vitória zu. Sie setzte wieder ihr wunderschönes Lächeln auf. Jacob wusste jetzt gar nicht mehr, was er sagen sollte, deshalb zog er es vor zu schweigen. Also musste Vitória den Anfang wagen.
„Sehr gesprächig bist du ja nicht. Aber ich mag dich trotzdem.“
„Warum? An mir ist nichts Besonderes. Ich bin ein Durchschnittsprogrammierer, ich denke sogar weniger.“
„So, Programmierer, deshalb die blasse Haut.“. Vitória hatte keine Hemmungen. Jacob kam das etwas unheimlich vor. Diese Frau war quasi eine Fremde und trotzdem sprach sie mit ihm wie seine beste Freundin. Jacob fasste sich langsam wieder.
„Nun ja, so blass bin ich nun auch wieder nicht.“ Er bereute den Satz im gleichen Moment, als er einen genaueren Blick auf Vitória warf. Ihre Haut war wirklich das Gegenteil von blass. Sie sah irgendwie ungewöhnlich sonnengebräunt aus.
„Ich bin nicht von hier.“
Erst jetzt fiel Jacob Vitórias Akzent auf. Leicht spanisch.
„Ich bin ursprünglich aus Brasilien. Aber ich lebe schon mein gesamtes, bewusstes Leben hier.“
Jacobs Stimmung hob sich. Die Frau gefiel ihm.
Vitória und Jacob verbrachten den Abend noch bis spät in die Nacht damit, sich gegenseitig auszufragen und sich Witze zu erzählen. Zu Jacobs Erstaunen war Vitória über Jacobs Abneigung zu Alkohol nicht sonderlich überrascht. Entweder überspielte sie es oder es schien ihr wirklich nicht ungewöhnlich.
Als sie sich zum Gehen bereitmachten bot sich Jacob natürlich an, Vitória nach Hause zu fahren. Vitória lehnte höflich ab. Sie wollte Jacob nach Hause begleiten. Und Jacob hatte nichts einzuwenden. Außerdem war es sowieso recht kalt und er wollte Vitória nicht in den ungeeigneten Schuhen nach Hause gehen lassen.
Das war der Anfang von Jacobs Beziehung mit Vitória. Innerhalb einer Woche war es ihr gelungen das Nötigste in Jacobs Wohnung zu schaffen und es sich bequem zu machen.
Jacob erwachte erneut aus seinem Halbschlaf. Er schaute aus dem Fenster. An der nächsten Haltestelle würde er aussteigen. Er öffnete die Augen ganz um richtig wach zu werden. Als der Zug bremste, erst langsam, dann etwas bestimmter, setzte er sich gerade hin. Er griff nach seinem Rucksack und hob ihn auf. Kurz vor Stillstand des Zuges setzte er ihn auf und ging zur Tür. Der Zug hielt an und Jacob betrat den Bahnhof. Er mochte diese Art von Bahnhöfen nicht: schmale Überdachungen, karge Beleuchtung und Wind von allen Seiten. So etwas war kein richtiger Bahnhof. Aus allen Ecken wucherte Unkraut; teilweise hatte die Kraft der Natur schon die Betonplatten am Boden zerbrochen. Der Hauptbahnhof war dagegen ganz anders: Große, helle Hallen, überall Anzeigetafeln, kleine Geschäfte und etliche Leute. Im Hauptbahnhof wehte stets nur ein laues Lüftchen, es war nicht so kalt und man konnte immer was Spannendes beobachten. Abschiede zum Beispiel. Oder Ankünfte. Oder keine Ankünfte, aber Personen, die auf ihre Liebsten warteten, mit einem Strauß Rosen in der Hand. Manchmal auch mit Pralinen oder anderen kleinen Geschenken. Auf Jacob wartete nie jemand.
Er stieg die Treppen zum Durchgang hinab und durchquerte den Tunnel, der am anderen Ende an einem Straßenbahnhof endete. Bis zu Jacobs Arbeitsstelle war es nicht weit; er musste nur zwei Straßen überqueren und dann immer geradeaus gehen. Jacob brauchte für diesen Weg weniger als zehn Minuten.
Am Haupteingang angekommen kramte er seinen Chip raus. Wie jeden Morgen loggte er sich damit in das Firmennetzwerk ein und war nun als „anwesend“ registriert. Abends würde er sich damit wieder abmelden. Jacob öffnete die Tür und trat ins Foyer ein.
„Guten Morgen“, sagte er zum Hünen. Dieser quittierte mit einem Nicken. Jacob war es gewohnt den Hünen nicht sprechen zu hören. Nur selten ergriff er das Wort. Meistens, wenn er sich unbeobachtet fühlte und er mit der Dame am Empfang flirtete. Sie war jung, etwa in Jacobs Alter. Das Alter des Hünen konnte er unmöglich schätzen. An sich war es Jacob auch egal, er hatte anderes im Kopf.
„Einen schönen guten Morgen!“, schwang ihm die übertrieben hohe Stimme der Empfangsdame entgegen. Jacob mochte ihre Stimme nicht. Für ihn klang sie irgendwie dumm. Sie passte aber zu ihrem Äußeren, dachte er immer insgeheim. Mit einem freundlichen Lächeln erwiderte er sein zweites „Guten Morgen“ und begab sich zum Aufzug. Was sie wohl über ihn dachte? Eigentlich war es ihm egal. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden betätigte er die Ruftaste. Er schloss seine Augen. Eigentlich war es keine Zeit, bei der man jemand aus dem Bett aufscheuchen konnte. Jacob liebte es, am Wochenende bis mittags, ja manchmal auch bis zum Nachmittag im Bett zu liegen und zu schlafen oder zumindest die Augen geschlossen zu halten und sich von der Welt abzuschotten.
Die Türen des Aufzugs glitten beiseite. Jacob öffnete seine Augen wieder und trat ein. Der Aufzug war vollkommen aus gebürstetem Stahl gefertigt, mit Ausnahme des Spiegels an einer Seite, der die gesamte Höhe und Breite einnahm. Jacob betätigte die „5“ und wartete, dass sich die Türen schließen würden. Dann wagte er einen Blick in den Spiegel. Er sah einen jungen, nicht unattraktiven Mann mit Ziegenbart. Und einem leeren Blick. Er sah auch nicht wirklich sich, sondern die Probleme, die im fünften Stock auf ihn warteten. Er arbeitete seit Tagen an einem Softwareproblem. „Secusoft“, die Firma bei der er angestellt war, hatte es sich zur Aufgabe gemacht alle auf dem Markt befindlichen Virenscanner, Trojanerentdecker, Wurmlöscher und was sonst noch mit Sicherheit und Computern zu tun hatte, zu übertrumpfen. Deshalb hatte Secusoft vor einigen Jahren massiv Fachkräfte gesucht. Jedoch konnten die meisten Bewerber nicht überzeugen. Jacob war damals mit einem anderen Bewerber namens Daniel zum finalen Bewerbungsgespräch geladen worden. Dazu wurden immer zwei Teilnehmer eingeladen, von denen aber stets nur einer genommen wurde. Die Bewerber hatte eine Aufgabe zu lösen. Sie bekamen einen Rechner, der mit einem Wurm infiziert war, sollten ihn ausfindig machen, protokollieren, was jener so alles anrichtete, ein Profil für die Wurmdatenbank erstellen und ihn anschließend entfernen. Jacob und Daniel standen zunächst ratlos vor dieser Aufgabe. Doch anstatt, dass, wie bei den meisten anderen Bewerbern, jeder für sich arbeitete und seine Ergebnisse für sich behielt, packten Jacob und Daniel das Problem gemeinsam an. Sie bestanden die Aufgabe mühelos und waren weit vor der gegebenen Endzeit fertig. Zufrieden mit ihrem Ergebnis bangten sie anschließend, wer genommen werden würde. Sie wurden vor das Komitee gerufen, dass ihnen erklärte, wie fabelhaft sie diese Aufgabenstellung gemeistert hatten.
Das Komitee entschied sich für Daniel. Insgeheim hatte Jacob diese Enttäuschung schon erwartet. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Daniel wollte den Job gar nicht haben. Dem verblüfften Komitee erläuterte er, dass er ihn nur haben wolle, wenn er mit Jacob zusammen arbeiten dürfe. Die Ergebnisse des Tests sprächen für sie als Team. Auch Jacob war darüber erstaunt. Die Mitglieder des Komitees schauten sich gegenseitig ratlos an; eine unangenehme Stille entstand. Jacob schaute zu Daniel, der im zuzwinkerte. Jacob verstand die Welt nicht mehr.
Einer, der allem Anschein nach der Personalchef war, erhob sich schließlich. „Meine Herren, sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Sie sind beide dabei und sie werden zusammenarbeiten.“, war seine Meinung. Niemand widersprach ihm.
Für Jacob war das ein ganz neues Gefühl. Jemand hatte sich für ihn eingesetzt. Jemand, den er bis dato noch nicht kannte. Er war sich nicht sicher, womit er das verdient hatte. Beim Verlassen des Gebäudes entfloh ihm ein schüchternes „Danke.“.
„Ach komm schon, wir habens beide aufm Kasten! Du hast dir den Job echt verdient.“, war Daniels lässige Antwort, als hätte er die vollkommene Kontrolle über das Gremium gehabt. Und vielleicht hatte er das auch. Von diesem Tag an arbeiteten Jacob und Daniel zusammen.
Ein Glockenläuten deutete an, dass er sein Ziel erreicht hatte. Er stellte sich wieder gerade hin und wartete, bis die Türen den Weg in den Korridor freigaben. Er trat hinaus und wandte sich nach links. Sein Büro war nicht weit vom Aufzug entfernt. Er legte seinen Rucksack ab und schaltete seinen Computer ein. Secusoft war darauf bedacht, dass die Mitarbeiter immer die neuste Hardware hatten. Irgendjemand in der Chefetage war wohl der Meinung, dass die neuste Hardware auch die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter stärken würde. Deshalb bekamen sie alle paar Monate neue Computer. Dass man diese Computer auch einrichten und anpassen musste, daran dachte wohl niemand.
Er tippte sein Passwort ein. Es war mit 38 Zeichen länger als die Passwörter „normaler“ Menschen. Die meisten Kollegen hielten ihn für leicht verrückt. Vielleicht war er das auch, Jacob war sich da selbst nicht so sicher.
Er bestätigte mit der „Enter“-Taste. Sein Desktop erschien, mit all seinen kleinen Icons und Informationen, Beschriftungen und Bildchen. Im Hintergrund war ein Raumschiff zu sehen, das gerade seinen Flug in den Weltraum antrat. Durch die Perspektive von unten konnte man selbst auf dem relativ kleinen 19-Zoll-Monitor eine Vorstellung davon bekommen, wie groß es in Wirklichkeit war.
Unbeeindruckt von diesem Wunderwerk der Technik startete Jacob seine Entwicklungsumgebung. Eine Reihe von Fenstern öffnete und verdeckte sich gegenseitig. Wie waren gefüllt mit Linien, Icons, jeder Menge Text, Punkten und noch mehr Icons. Jacob öffnete die Dateien vom Vortag und begann erneut zu suchen. Dieses Virus musste irgendwo ein Muster haben, durch das es sich verriet. Jedes Virus hatte das, ansonsten würden sie die Dateien mehrfach infizieren. Dieses Virus war eine hochmoderne Waffe. Es konnte sich selbst verschlüsseln und sah dadurch jedes Mal anders aus. Was aber noch erstaunlicher war, war die Tatsache, dass es seinen eigenen Code verändern und möglicherweise seine Funktionsweise verbessern konnte. Daniel war nur durch Zufall darauf gestoßen, dass mehrere Viren, die im Labor untersucht wurden, im Prinzip ein und derselbe Schädling sein konnten. Seit dieser Entdeckung arbeiteten Jacob und er fieberhaft an einem Gegenmittel. Dazu mussten sie aber erstmal verstehen, wie das Virus funktionierte, was sich als hochkomplexe Aufgabe herausstellte. Sie hatten bereits jede Möglichkeit, die ihnen eingefallen war, probiert, um den Code zu knacken, bisher allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Die einzige bisher gewonnene Erkenntnis war, dass das Virus all seine Brüder in den Schatten stellte. Der Schöpfer dieser digitalen Kreatur hatte ganze Arbeit geleistet. Doch auch der beste Algorithmus hatte irgendwo eine Schwachstelle und die musste ganz einfach bei entsprechender, sorgfältiger Suche früher oder später gefunden werden.
Jacob hob den Kopf. Ein grinsender Daniel erwartete ihn. Er war einer der wenigen Menschen, die ihm ein Lächeln abringen konnten. Und das in fast jeder Lebenslage.
„Guten Morgen, Alter, ey, wenn das heute wieder nichts wird, dann lauf ich hier Amok!“, platzte er hervor. Jacobs Lächeln manifestierte sich, „Und ich mach mit.“
Jacobs Stimmung hob sich immer mit Daniels Anwesenheit. Trotzdem half  es nicht, das Virus dingfest zu machen. Jacob wusste schon, dass sie auch diesmal wieder keine nennenswerten Erfolge erzielen würden. Er wusste aber nicht, ob Daniel auch so dachte. Er hatte ihn nie danach gefragt.
Sie machten sich mit Eifer daran, neue Entschlüsselungswege auszuprobieren. Von den anderen Mitarbeitern wurden sie schon gefragt, wann sie denn heiraten würden, was beide immer nur mit einem schrägen Blick oder einem Lachen beantwortet wurde. Was die anderen dann üblicherweise verwirrte, denn jeder wusste, dass Daniel glücklich verheiratet war. Und das schon seit mehreren Jahren. Jacob hatte nie verstanden, wie man sich so jung an eine, und nur eine Person binden konnte. Trotz allem schien Daniel mit seiner Ehe sehr glücklich zu sein. Das blieb auch Jacob nicht verborgen.
„Wie kannst du irgendwann abnippeln und nur mit einer Frau geschlafen haben?“, fragte er manchmal. Daniel hatte gelernt diese Frage zu überhören. Anfangs hatte er noch versucht, Jacob seinen Standpunkt darzulegen, was aber üblicherweise im Nichts endete.
An diesem Tag hatten sie jedoch keine Zeit für Reibereien. Sie waren das beste und effektivste Team der ganzen Firma und die obere Etage hatte entsprechend hohe Erwartungen. Es war undenkbar, dass ein Virus von einem Secusoft-Programm nicht erkannt werden konnte; das würde möglicherweise negative Schlagzeilen und dadurch Umsatzeinbußen mit sich ziehen, was sich letztendlich auch negativ auf die Mitarbeiter auswirken würde. Gute Programmierer können, je nach Branche, bis zu mehrere zehntausend Euro im Monat verdienen. Außerdem bekamen sie Unmengen von Vergünstigungen und Werbegeschenken; ein Auto zu Weihnachten war da keine Seltenheit. Dagegen wirkte Jacobs Gehalt schon lächerlich. Er war jedoch zufrieden damit und war auch, entgegen dem Rat seiner Kollegen, noch nie mit der Frage nach mehr Gehalt zu seinen Vorgesetzten geeilt. Es reichte ihm zum Leben, er brauchte keinen übermäßigen Luxus.
Wie zu erwarten verlief die Suche nach der Achillesferse des Virus wieder erfolglos. Jacob und Daniel probierten zwar allerlei neue und modifizierte Algorithmen und Verfahren aus, tappten aber weiterhin im Dunkeln. Es würde sich noch eine Ewigkeit hinziehen, bis ein digitales Hintertürchen gefunden werden würde. Solange die Konkurrenz nicht schneller war als sie würden sich die Probleme allerdings noch in Grenzen halten.
Nach dem mittelmäßigen, von der Firma gestützten 1-Euro-Mittagessen erfuhr er noch eine weitere Hiobsbotschaft.
„Ich hab mit dem Boss geredet“, meinte Daniel ganz beiläufig, „ich hab ab nächster Woche für zwei Wochen Urlaub! Du wirst das Ding also ohne mich fertigmachen müssen.“
Jacobs Stimmung sank. Ohne Daniel standen die Chancen weitaus schlechter. Daniel war ein genialer Programmierer, Jacob war fast so genial wie Daniel, aber zusammen waren sie unschlagbar. Bis jetzt. „Win32.JacDanVerzweifelDran“, wie das Virus schon scherzhaft von den Kollegen betitelt wurde, ließ sich bisher weder mit den bekannten noch den improvisierten Methoden knacken. Jacob konnte das unmöglich allein schaffen.
„Hm, das ist schön. Hast du schon was vor?“, log er.
„Ja, ich werde mit Magda zu einem Kurzurlaub in die Karibik fliegen. Sie hat sich das schon lange gewünscht.“, antwortete Daniel schwärmerisch.
„Klingt interessant.“
„Ach komm schon, du wirst zwei Wochen ohne mich auskommen.“
„Klar“, meinte Jacob und zwang sich zu einem Lächeln. Daniel grinste breit. Die Vorfreude war ihm anzusehen.
„Kannst es wohl kaum erwarten?“, fragte Jacob und sein aufgesetztes Lächeln wandelte sich in ein echtes.
„Natürlich, das wollten wir doch schon lange machen. Magda hat immer gedrängelt, dass sie mal im Winter an einen warmen Strand will.“
Jacob mochte Magdalena. Trotz aller Vorbehalte der Ehe gegenüber gab es in ihm doch ein Gefühl, das Verständnis für Daniels Verhältnis zu Magdalena aufbrachte. Auch wenn er sich selbst nie zu einem Sklaven der Ehe mit all ihren Pflichten machen wollte hatte er kein Problem damit, dass sein bester Freund verheiratet war. Schon als er Magdalena zum ersten Mal vorgestellt wurde, fühlte er etwas, dass ihm sagte, dass diese zwei Menschen zusammengehörten. Er konnte nur nicht ganz einordnen, warum er so dachte. Sie hatte das Gesicht eines Models; Daniel war ein verrückter Typ, der jede Woche anders aussah. Aber augenscheinlich harmonierte diese Mischung bestens.
„Und du machst das mit?“ Jacob wusste, dass Daniel genau wie er eher die kalten Gefilde mochte.
„Klar, wird sicher lustig.“
„Na, wenn du meinst. Mach ein paar schöne Bilder.“
„Ja, klar, sowieso.“ Daniel war hobbymäßiger Fotograf. In jeder freien Minute, die er nicht arbeitete oder mit Magda zusammen war fotografierte er. Landschaften, Personen, Häuser, Fahrzeuge – einfach alles, was ihm vor die Linse kam. Magda war am Anfang skeptisch, wenn er Fotoshootings mit jungen Mädchen hatte. Aber sie vertraute ihm; von Zeit zu Zeit kam sie mit und griff ihm hilfreich unter die Arme. Jacob beneidete Daniel um sein fotografisches Talent, lies es sich aber nie anmerken. Daniel hatte auch schon hohe Platzierungen in mehreren Fotografierwettbewerben errungen, was Jacob mit Staunen und etwas Neid beeindruckte. Er mochte Daniels Fotos.
Der Nachmittag verlief so ereignislos wie der Morgen. Entnervt waren sich Jacob und Daniel am frühen Nachmittag einig, dass sie besser erstmal Abstand gewinnen sollten, bevor sie weiter an dem Monster rumwerkelten. Aufgrund der zahlreichen Überstunden entschieden sie, dass es das Beste sei den Tag vorzeitig zu beenden. Sie schalteten die Rechner ab, grüßten den Hünen, der gerade versuchte, sich mit der Empfangsdame zu verabreden und verließen das Gebäude. Draußen verabschiedete sich Daniel von Jacob und stieg in seinen orangen CrossPolo. Jacob hatte nie verstanden, wie man sich ein solch unpraktisches Auto zulegen konnte. Für Jacob waren Autos praktische Gebrauchsgegenstände. Daniel hatte immer wieder argumentiert, dass auch ein CrossPolo praktisch sei, Jacob konnte einem Offroad-Kleinwagen aber nichts abgewinnen. Trotzdem ließ er sich manchmal von Daniel den kurzen Weg zum Bahnhof fahren.
Doch nicht heute. Jacob ging den Weg zum Bahnhof zurück. Kleine Windböen fegten das feuchte Laub mal in die eine, dann wieder in eine andere Richtung. Die meisten Bäume waren schon kahl; nur einige wenige trotzten dem Herbst mit nutzlos gewordenen gelben, roten und braunen Blättern. Aber auch sie würden sich bald dem alljährlichen, unerbittlichen Lauf der Jahreszeiten beugen.
Jacob setzte sich am Bahnhof auf eine Bank und schloss die Augen. Er fühlte sich schlaff und irgendwie müde. Viel geschlafen hatte er in letzter Zeit nicht. Und es würde sich auch nicht so schnell ändern. In seinen Gedanken lief er über einen weißen, sonnenbeschienenen Strand an einem grünlichblauen Ozean. Sanfte Wellen umspülten seine Füße und ein warmer Windhauch ließ die Palmwedel der nahen Kokospalmen im Wind tanzen. Am anderen Ende, entfernt, sah er einen Schatten, der sich langsam auf ihn zu bewegte. Eine Person schien mit ausgestreckten Armen zu ihm zu laufen. Jacob kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, wer die Person sei. Sie trug und einen rotgeblümten Bikini und war ansonsten nackt. Um den Hals trug sie eine Kette, möglicherweise aus Silber oder Gold und ihr langes, braunes Haar war zu einem Zopf geflochten, der bei jedem Schritt mit ihrem Busen auf und ab hüpfte. Und ihr Gesicht war – das von Magda.
Der einfahrende, quietschende Zug weckte Jacob abrupt aus seinem Tagtraum. Er stand auf, schnappte sich seinen Rucksack und betrat den Zug. Es war eins dieser neuen Modelle mit leicht bläulichem Licht und noch größeren Fenstern. Der Zug war sogar so neu, dass die Scheiben noch nicht zerkratzt waren. Jacob ging die Treppe zur oberen Etage hinauf und machte es sich auf einem Doppelplatz bequem. Er schaute aus dem Fenster; es war draußen ausnahmsweise noch nicht dunkel. Allerdings gab es auch nichts Interessantes zu sehen. Deshalb schloss Jacob die Augen und ließ sich von einer Woge wegspülen.
Es gab einen lauten Knall. Jacob duckte sich instinktiv. Seine nasse Kleidung rieb bei jeder Bewegung an seiner Haut. Nasse Erde prasselte auf ihn herab. Von allen Seiten brüllten Menschen Kommandos. Jacob öffnete die Augen etwas. In der Hand hielt er ein Gewehr mit einem Griff aus dunklem Holz. Es sah recht abgenutzt aus. Eine Person in Tarnuniform kam auf ihn zugelaufen.
„Sag mal spinnst du? Schieß endlich oder willst du, dass ich dich wegen Befehlsverweigerung erschieße. Heb deinen Arsch, verdammt nochmal, und sieh zu, dass ein paar von denen abknallst!“, brüllte ihm der Andere ins Ohr und zeigte in die Richtung, aus der der Knall gekommen war. Jacob lugte entlang des Zeigefingers und sah etliche Soldaten in olivgrünen Uniformen auf ein Waldstück zurennen. Sie hatten Rucksäcke in den gleichen Farben ihrer Sachen an und waren triefnass. Erst jetzt bemerkte Jacob, dass es regnete. Aus allen Richtungen kamen die Geräusche von zahlreichen Schüssen mit unterschiedlicher Lautstärke auf ihn zu. Hier war offenbar eine Schlacht am Toben.
Jacob drehte seinen Kopf und sah dem Offizier direkt in die Augen.
„Nein. Ich werde niemanden umbringen!“ Die Antwort war eine Ohrfeige, die sein Ohr bluten ließ.
„Du Stück Scheiße. Diese Bastarde müssen vernichtet werden. Entweder du gehst jetzt an die Front oder ich mache dich auf der Stelle kalt!“
Jacob blieb stumm. Der Offizier wurde rot vor Wut, zog eine blankpolierte Pistole, legte sie Jacob an die Schläfe und schrie „Ich warte nicht ewig!“
Jacob schloss die Augen, „Du kannst mich mal!“. Der Offizier drückte ab…
„Ihr Fahrschein bitte!“, sagte eine freundliche Stimme. Jacob schreckte auf. Eine Frau in den Vierzigern in Zugbegleitertracht schaute ihm fragend ins Gesicht.
„Junger Mann, entweder sie zeigen mir jetzt ihren Fahrschein oder ich muss ihre Personalien aufnehmen.“
„Natürlich!“ Jacob fasste sich wieder. Er öffnete ein Seitenfach seines Rucksacks und zog ein Portmonee mit dem Fahrschein heraus.
„Danke…Ihr Fahrschein bitte!“, wandte sich die Kontrolleurin an den nächsten Fahrgast.

Jacob atmete tief durch. Er schaute aus dem Fenster um sich zu vergewissern wo er war. Schon die nächste Haltestelle würde er aussteigen müssen. Er nahm seinen Rucksack und begab sich nach unten zur Tür. Durch das Fenster in der Tür konnte er das Haus sehen, in dem er wohnte. Es war ein hässlicher Neubaublock mit 6 Etagen. Jacob wohnte im obersten Stockwerk.
Er ging den Weg nach Hause zurück und warf einen Blick in den Briefkasten. Außer Werbung war wieder einmal nichts darin. Jacob nahm die Werbung heraus und steckte sie in seinen Rucksack. Er schloss die Haustür auf und ging nach oben. Vitória würde vermutlich schon da sein. Er schloss die Wohnungstür auf und fand seine Vermutung bestätigt.
„Oh, du kommst eher? Das ist aber schön!“, kam ihm Vitória fröhlich entgegen.
„Ja, wir kommen wieder mal nicht weiter…“, entgegnete er knapp. Ein kurzer Kuss war alles, was Vitória von ihm bekam. Jacob sah nicht einmal mehr, dass ihre gute Laune verflog, so schnell wandte er sich um und begab sich zu seinem Computer. Er schaltete ihn an und machte es sich vor  ihm bequem. Vitória verzog das Gesicht zu einer Unmutsmiene: „Und ich dachte, es sei wegen mir…“
Jacob hörte es nicht einmal, so sehr war er bereits mit einem Stapel Zettel mit allerhand Zeichnungen, Schemata und seitenweise Programmcode beschäftigt.
„Irgendwann musst du dich entscheiden, ich oder dein blödes Hobby!“, war Vitórias letzter Einwand bevor sie sich ihre Schuhe anzog und zur Tür ging. „Für den Fall, dass du mich wider Erwarten doch suchen solltest: Ich bin bei Ines.“
Ines war Vitórias beste Freundin. Jacob kannte sie nicht. Er hatte sich noch nie die Zeit genommen, sie kennenzulernen, obwohl er dazu schon mehr als genug Gelegenheiten hatte. Er wusste nur, dass sie auch aus Brasilien kam, allerdings aus einem anderen Bundesstaat und war erst viel später eingewandert. Woher Vitória Ines kannte wusste Jacob nicht. Er hatte sie auch nie danach gefragt. Er wusste auch nicht, warum Vitória sie so oft besuchte. Es interessierte ihn nicht sonderlich, er wusste, dass sie zum Abendbrot wieder da sein würde.
Es lag an ihm, das Abendbrot vorzubereiten. Jacob tat das, was er immer in solchen Fällen tat: Er kümmerte sich erst im letzten Moment darum. Deshalb war er auch nie fertig, wenn Vitória wieder eintraf. Und auch dieses Mal hatte er gerade erst angefangen, als sie wieder eintrudelte.
Das Abendbrot verlief schweigsam. Vitória hatte Jacobs leerem Blick nichts entgegenzusetzen. Sie wusste, dass er schon wieder über „wichtigere“ Dinge nachdachte. Sie hatte da keine Chance ihr Recht zu erobern. Das war einer der Punkte, die Vitória störten.
Nach dem Abendbrot und der täglichen Abendhygiene gingen sie ins Bett. Ohne weitere Umschweife schlief Jacob ein. Vitória dagegen lag noch lange wach und stellte sich die dümmsten Fragen.


 

Kapitel 2

Jacob erwachte vom Klingeln seines Weckers. Es war noch dunkel. Er tastete nach Vitória; ihre Seite des Bettes war leer. Er drehte sich zu ihr hin, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich nicht da war.
„Na toll, die siehst du nie wieder.“, war sein erster Gedanke.
Er stand auf, zog sich frische Unterwäsche und eine Hose an und…wurde stutzig. Vitórias Handy lag noch genau dort, wo sie es tags zuvor abgelegt hatte. Jacob hatte keine Ahnung, wie er das interpretieren sollte. Er suchte nach einem Abschiedsgruß, fand aber nichts. Kein Zettel und das Handy lagen auch noch da – das muss eine neue Masche sein, dachte er sich. Jacob ging ins Bad, rasierte sich und putzte sich die Zähne. Seine Gedanken waren ganz woanders. Vitória hatte ihn verlassen; einiges würde sich hier wieder ändern. Aber warum hatte sie ihren Krempel nicht mitgenommen? Warum sah alles aus, wie als er ins Bett gegangen war? Irgendetwas passte nicht zusammen.
Jacob warf einen Blick in die Küche um zu schauen, ob Vitória nicht vielleicht dort zugange war. War sie aber nicht. Alles war ruhig. Nach einem leisen Fluch packte Jacob sein Frühstück ein und zog sich fertig an. Er schulterte seinen Rucksack und verließ die Wohnung.
Draußen war es ruhig. Jacob ging die Nebenstraße in Richtung Bahnhof entlang. Er hörte einen leichten Windhauch durch die Bäume fegen und abgefallenes Laub auf der Straße aufwirbeln. Er hörte vor sich einen paar Raben krächzen. Ansonsten war es ruhig. Jacob blieb stehen. Hier stimmte etwas ganz gewaltig nicht. Es war an sich vollkommen ruhig. Er hörte kein Auto und auch keinen Zug. Und keine Menschen. Es waren überhaupt keine Menschen zu sehen. Jacob schaute sich um. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Noch hatte er Zeit um einen Abstecher über die Hauptstraße zumachen und sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.
Je näher er der Hauptstraße kam, desto unheimlicher wurde es ihm. Es machte überhaupt keinen Unterschied, wo er sich befand, es war überall gleich leise. Ein paar Autos standen in seltsamen Formationen auf der Straße und teilweise auch daneben. Es sah aus, als seien die Fahrer mitten in voller Fahrt einfach herausgesprungen. Einige Autos waren an Hauswände oder Bäume und Laternenmasten gefahren, andere wiederum aneinandergestoßen. Es gab größere und kleinere Unfälle; ohne Blut, ohne Leichen, ohne jegliche Spur von Menschen. Keine Täter, keine Opfer.
Jacob stellte sich mitten auf die Straße. Es begann zu nieseln, ansonsten war es gespenstisch still. Er hielt den Atem an und ließ seinen Blick langsam in alle Richtungen schweifen. Er suchte nach Bewegungen. Bewegungen, die Menschen verrieten. Flugzeuge, Autos, Fahrräder, Fußgänger…
Nichts. Es gab keinen einzigen Hinweis auf irgendwelche menschliche Aktivitäten. Er fühlte sich wie in der Herbstversion einer Klischee-Westernstadt eines Wild-West-Films.
Jacob überlegte, was geschehen sein mochte. War eine Atombombe auf die Großstadt geworfen worden? Unwahrscheinlich. Das hätte er unmissverständlich mitbekommen. Außerdem wäre ein Großteil der Stadt zerstört worden. Und es würden überall Leichen herumliegen oder wenigstens Leichenteile.
Möglicherweise war die Stadt evakuiert worden. Aber warum hatte man ihn zurückgelassen? Also ebenfalls unwahrscheinlich. Eine Seuche? So schnell? Und wieder ohne Leichen? Unwahrscheinlich. Es musste eine andere Ursache haben. Die Leute haben die Stadt fluchtartig verlassen. Und zwar alle. Aber warum haben sie dann nicht ihre Autos abgestellt, sondern ließen weiterrollen? Irgendetwas passte hier nicht zusammen.
Jacob schaute auf seine Uhr. Sein Zug hätte vor dreizehn Minuten kommen sollen. Er hatte ihn aber nicht gehört, also war es unnötig auf den nächsten zu warten – er würde eh nicht kommen. In seinem Kopf spielten sich die Möglichkeiten durch, die er hatte, um Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Jacob zog sein Handy aus der Tasche: Der Empfang war ausreichend. Er wählte Daniels Nummer und wartete. Nichts passierte. Er wartete weiter. Eine kleine Ewigkeit. Aber Daniel antwortete ihm nicht. Jacob grübelte, was er noch tun konnte. Es kam ihm eine Idee und er wandte sich nach Hause.

Der Fernseher war tot. Er empfing auf keinem Sender Bild oder Ton. Jacob versuchte es mit dem Radio, aber auch hier war nur statisches Rauschen zu vernehmen. Jacob versuchte den letzten Ausweg: Das Internet. Jacob machte seinen Computer an und öffnete seinen Browser. Wenigstens der Internetempfang war ok. Er öffnete die Seite des lokalen Nachrichtensenders. Nach dem Klick auf die Neuigkeiten wurde er auch nicht schlauer. Der letzte Eintrag trug die Zeit „23:47“ des Vortages. Er versuchte eine andere Seite; eine überregionale. Auch hier war seit Mitternacht nichts mehr verändert worden. Jacob wollte es nun ganz genau wissen: Er öffnete mehrere internationale Seiten. Einige waren zu seiner Überraschung offline. Bei den anderen bestätigte sich seine Vermutung: Ab Mitternacht war Sense. Außerdem kein Hinweis auf eine Katastrophe; weder hier noch irgendwo sonst.
Jacob sackte in sich zusammen. Er fühlte sich orientierungslos. Wenn etliche Server auf der ganzen Welt ausgefallen waren, dann war es also ein weltweites Phänomen. Und warum war er nicht davon betroffen? „Weil sie mich beobachteten“, war sein erster Gedanke. Aber warum sollte ihn jemand beobachten? Jacob wusste keine Antwort darauf.
Ihm wurde klar, dass er in der Vorstadt wohl nicht viel herausbekam. Wenn alle Menschen weg waren, würde auch bald der Strom ausfallen und das Trinkwasser knapp werden. In der Großstadt würde er sicher mehr Glück haben. Also beschloss er sich warm anzuziehen und sich ein fahrtüchtiges Auto auszusuchen. Bewaffnet mit einer dicken Jacke, Schal und Mütze verließ er seine Wohnung wieder. Er wandte sich wieder zur Hauptstraße und schaute sich um. Es war nicht schwer ein unbeschädigtes Fahrzeug zu finden. Seine Entscheidung fiel auf einen Hyundai Tucson. Jener stand ordentlich an einer Ampel und war völlig intakt. Er trat an den Wagen heran und untersuchte, was er bereits vermutete: Der Zündschlüssel steckte noch. Jacob öffnete die Fahrertür und stieg ein. Der Vorbesitzer muss recht klein gewesen sein; Jacob musste den Sitz weit zurückschieben. Er schaute sich um. Auf der Rückbank war ein Kindersitz festgezurrt. Mit einem mulmigen Gefühl wandte sich Jacob wieder nach vorn. Er drehte den Zündschlüssel und startete den Motor. Mit einem Gurgeln sprang der Motor an. Jacob überprüfte die Tankanzeige: Der Tank war noch mehr als halb voll. Er würde es ohne Tanken zu müssen bis in die Großstadt schaffen. Nachdem er den Hyundai gewendet hatte machte er sich auf den Weg.


 

Kapitel 3

Völlig unkonzentriert fuhr Jacob die Hauptstraße der aufgehenden Sonne entgegen. Auch nach einigen Kilometern hatte sich das Bild nicht geändert: Mehr oder wenige kaputte Autos standen in mehr oder weniger merkwürdigen Posen überall verstreut herum. Jacob war tief in seinen Gedanken versunken. Er konnte es immer noch nicht fassen, allein in einer Großstadt unterwegs zu sein, die eine halbe Million Einwohner hatte. Er versuchte mit steigender Verzweiflung die Ursache dafür zu finden, den Code zu knacken, das Rätsel zu lösen oder wenigstens einen Anhaltspunkt dafür zu finden, was hier los war. Es war nicht real. Nein, so etwas konnte nicht real sein. Er fand keine Erklärung dafür, also war es nicht real. Allerdings fühlte es sich schon ziemlich real an den Wagen zu fahren.
Es war auch nicht weniger real für Jacob auf das liegengebliebene Fahrzeug vor ihm aufzufahren. Aus seinen Gedanken gerissen bremste er, was jedoch unnötig war, da er bereits zum Stehen gekommen war. Mit beschleunigtem Puls stieg Jacob aus. Er spürte Adrenalin in sich aufsteigen. „Fuck!“, stieß er hervor. Dann blieb er wie angewurzelt stehen. Jacob wagte es nicht auch nur einen Finger zu krümmen. Er versuchte ein Geräusch zu erhaschen, aber da war nichts. Niemand der ihm antwortete, niemand der ihn hörte.
„Es hat doch Vorteile, allein zu sein.“, dachte er. Jacob probierte alle Gelenke aus. Er schien unverletzt zu sein. Mit dem Hyundai konnte er jetzt nicht weiterfahren. Er schloss die Tür und war überrascht, wie sorgfältig er das verunfallte Fahrzeug abstellte, wo doch niemand da war um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Und auch sicher niemand jemals mehr damit fahren würde.
Mit dem Gedanken, das nächste Auto pfleglicher zu behandeln machte er sich auf den Weg. Die Auswahl war groß; schlussendlich entschied er sich für einen unbeschädigten Toyota, der am Straßenrand stand. Ein Blick durch die Seitenscheibe dämpfte Jacobs Freude: Es steckte kein Zündschlüssel. Betrübt machte sich Jacob erneut auf die Suche. Das nächstbeste Auto würde es auch tun. Hauptsache er würde in absehbarer Zeit noch die Stadt erreichen.
Mit etwas mehr Konzentration, einem roten Ford Mondeo und immer noch allerhand Fragen im Hinterkopf rückte sein Ziel immer näher: Der Friedhof. Auf dem Friedhof arbeitete Markus, ein Freund von Jacob. Den Gedanken, ob er Markus dort oder in seiner Wohnung antreffen würde, beantwortete Jacob schon selbst mit „nein“. Aber das war auch nicht der Hauptgrund, weshalb er dorthin musste. Jacob bremste, blinkte und bog rechts ab. Es war nicht mehr weit zum Friedhof; er lag zwischen der Vorstadt und der eigentlichen Großstadt. Es war ein schöner Friedhof mit hohen Mauern aus Sandstein, die die Toten vor der Welt der Lebendigen trennten. Innen war es mehr ein Wald als ein Friedhof: die alten Bäume waren noch vor dem Krieg vor über 50 Jahren gepflanzt worden. Während des Krieges waren sie verschont geblieben. Ihre majestätischen Kronen bildeten ein dichtes Dach über den Wegen, die zu den Gräbern führten. Jacob mochte es mit Markus über den Friedhof zu schlendern. Markus konnte ihm immer was Neues erzählen; ihm gingen nie die Geschichten aus. Sei es, dass eine Käferplage über die Bäume herfiel oder dass er essbare Pilze entdeckt habe. Jacob hatte schon vorgeschlagen, die Pilze zu kochen; schlussendlich hatten sie sich aber doch dafür entschieden, sie am Leben zu lassen. Markus wohnte gleich neben dem Friedhof, was für ihn vorteilhaft war: Er hatte keinen langen Arbeitsweg.
Und auch für Jacob war es ein Vorteil. Er bog auf den Friedhofsparkplatz ein. Für einen Moment verweilte er und überlegte, ob es denn auch das richtige sei, was er da tat. Jacob kam zu dem Schluss, dass er keine andere Wahl hatte; er wusste, dass er sich belog. Mit einem leichten Quietschen öffnete er das Friedhofstor. „Na toll, das fängt ja schon mal gut an.“, sagte er leise zu sich selbst. Obwohl es schon hell geworden war ließen die Bäume nur wenig Licht zum Boden durch. Unscheinbare Lichtfetzen huschten wie graue Mäuse über den Boden und verschwanden in Häufchen und Haufen bunter Blätter. Jacob schaute sich auf dem Friedhof um. Er sah aus, wie an jedem anderen Tag. Grabsteine unterschiedlicher Höhe, Formen, Farben und Mustern waren in Reihen aufgestellt. Dazwischen Blumen und Gestecke aller Art und Couleur: Rote, gelbe und ein paar schon leicht angegammelte, deren ursprüngliche Farben schon nicht mehr feststellbar waren. Er wandte sich rechts um und ging in Richtung Versorgungsgebäude. Jene lagen nicht weit vom Eingang entfernt. Die Fassaden waren mit Sandstein bestückt und passten perfekt zwischen die Friedhofsmauern. Völlig unscheinbar mit ihren grünen, ehemals kupfernen Dächern ragten sie vor Jacob auf. Zögernd kniete er sich hin. „Gott ist in jedem von uns“ stand auf der Fußmatte, die er leicht anhob. Unter ihr befand sich das, was Jacob zu finden hoffte: Der Schlüssel für das Gebäude vor ihm. Er hob den großen, altmodischen Schlüssel auf und betrachtete ihn, als sähe er ihn das erste Mal. Tatsächlich aber hatte er ihn schon unzählige Male benutzt. Markus hatte Jacob schon vor Jahren anvertraut, dass der Schlüssel stets unter der Fußmatte lag, weil es nur den einen gab. Jacob hatte gefragt, ob Markus nicht einen oder zwei nachmachen lassen könnte; Markus hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Ja, stimmt.“ Ein zweiter oder gar dritter Schlüssel schien aber weiterhin an seiner Existenz gehindert zu werden. Jetzt war es sowieso egal; Jacob hatte den Schlüssel, das allein zählte. Er steckt ihn ins Schloss und drehte ihn herum. Der lief schwer durch die Zylinder und es knirschte verdächtig. Jacob öffnete die schwere Holztür. Im Inneren war es dunkel; die kleinen Fenster ließen noch weniger Licht hinein als die Bäume nebenan. Jacob tastete nach links, wo er den Lichtschalter vermutete. Ihm fiel auf, dass er bisher einen mäßig erleuchteten Raum vorgefunden hatte und deshalb nie das Licht an- oder ausgeschaltete hatte. Mit einem Klicken schaltete er das Licht an. Nichts passierte. Er probierte es nochmal; wieder nichts. Ein leichter Schauer kroch seinen Rücken entlang. Jacob war sich auf einmal überhaupt nicht sicher, ob er denn das Recht dazu hatte, das zu tun, was er vorhatte. Er kniff die Augen zusammen, trat einen Schritt in die Dunkelheit hinein und wandte sich nach rechts und links. Mit etwas Freude stellte er fest, dass das, was er ursprünglich suchte, nicht da war: kein Sarg und keine Urne. „Man soll den Toten ihren Frieden lassen, das würde ich mir auch wünschen…“, dachte er zu sich selbst. Zufrieden drehte sich Jacob um, ging nach draußen, schloss die Tür wieder ab und legte den Schlüssel wieder unter die Fußmatte.
„Wenn ich nun einen Sarg gefunden hätte und hineingeschaut hätte, was dann? Wenn eine Leiche drin gewesen wäre, na prost Mahlzeit…und wenn nicht?“, sinnierte er. Jacob musste den Gedanken loswerden. Es gab sicher andere Methoden herauszufinden, was passiert war. Außerdem hatte er richtig Hunger bekommen und ein Toter hätte ihm den wieder verdorben.
Er setzte sich zurück in „sein“ Auto und überlegte. Gedankenverloren kramte er sein Frühstückspaket heraus. Er drehte die Klimaanlage hoch entledigte sich seiner Jacke. Wenn er schon allein war, wollte er es auch gemütlich haben. Sonnenblumenkernbrotkauend ging er alle Optionen durch, die er hatte. Alle Fakten. Er war allein. Niemand, wirklich niemand, war da. Alle waren plötzlich verschwunden. Es gab keinen einzigen Hinweis, was mit ihnen passiert war, außer der Tatsache, dass sie sich anscheinend alle zusammen völlig in Luft aufgelöst haben. Nur er war vergessen worden. Es gab auch keine Leichen, nirgendwo, außer vielleicht auf dem Friedhof. Aber das wollte er jetzt nicht mehr nachprüfen. Außerdem fiel zunehmend der Strom aus. Die Wasserversorgung würde bald nachziehen, wenn sie nicht schon in Mitleidenschaft gezogen worden war. Das war’s. Mehr nicht. Jacob wusste nicht, ob es sich um ein regionales Problem handelte oder ob es global war. Den einzigen Hinweis darauf hatte er durch das Internet bekommen, dass auch immer weniger erreichbar wurde. Und ohne Strom lief da sowieso nichts.
Jacob resignierte. Ihm blieben nicht viele sinnvolle Optionen. Er könnte versuchen sich nach Amerika durchzuschlagen aber dafür müsste er ein Schiff oder ein Flugzeug bedienen können. Also so gut wie ausgeschlossen. Ansonsten könnte er versuchen sich per Auto durchzuschlagen. Das wäre machbar, allerdings graute ihm vor dem, was ihn erwarten würde.
Er kaute den Rest des Frühstücks herunter und startete den Motor. Egal; wer auch immer dafür verantwortlich war und ob er Jacobs Reaktion verfolgte oder nicht: Jacob wollte überleben. Aber dazu würde er noch so einiges benötigen. Mit Vollgas machte er sich auf den Weg nach Hause.


 

Kapitel 4

Mit aller Kraft versuchte die Sonne gegen die kalte Luft anzukämpfen. Trotzdem war es noch ziemlich kühl. Jacob zog sich seine Jacke über und stieg aus seinem Vehikel. Es hatte auch seine Vorteile, allein zu sein: Die Straßen waren frei (abgesehen von den liegengebliebenen Autos) und man musste nicht auf Ampeln achten. Jacob musste auf überhaupt niemanden achten. So langsam freundete er sich mit dem Gedanken an. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm. All die Menschen mit all ihren Fehlern waren fort. Jacob konnte jetzt beginnen, die Welt ein Stückchen besser zu machen.
Er schloss die Haustür auf und lief hinunter in den Keller. Mit 3 Klappkisten bewaffnet machte er sich auf den Weg nach oben. Er wusste schon, was er einpacken würde: In erster Linie Vorräte. Aber auch Wäsche, Werkzeuge und andere Utensilien.
Die erste Kiste füllte er mit Essen: Päckchen mit Reis und Nudeln, Dosen mit Mais, Mandarinen, Pilzen und Tomatensoße und schließlich noch Brot, Wurst, Käse, Butter und mehreren Kistchen mit Tee. Für den Anfang würde es ihm reichen; später konnte er immer noch irgendwo einbrechen und sich inzwischen nutzlos gewordenen Lebensmittel mitnehmen.
Die zweite Kiste bekam Wäsche. Jacob packte alles, was er für nützlich hielt hinein. In der dritten landeten diverse Messer, Besteck, Teller, einige Tassen, 2 verschiedengroße Töpfe, eine Kanne und 2 Schneidebretter. Außerdem noch Streichhölzer, Kerzen, Batterien und ein Stofftier; einen Teddy, den er schon so lange besaß, wie er denken konnte.
Nachdem er seine Fracht in das Auto gequetscht hatte packte er noch alle ungeöffneten Getränke (etliche Flaschen Limo und Cola und ein paar Tetrapaks Saft) ein. Außerdem entschied er sich, die angefangene, aber noch etwas mehr als halbvolle Flasche Rum einzupacken. Für den Fall, dass er Menschen treffen würde, könnte sie sich noch als nützlich erweisen.
Des Weiteren suchte er sich noch alle warmen Sachen zusammen und packte noch ein paar Decken ein.
Mit vollem Kofferraum und einer Kanne frischen, stark gesüßten Pfefferminztees verließ er seine Stadt wieder. Er würde nicht allzu weit kommen: Wenn er den ganzen Tag fahren würde, wäre der Tank schon weit vor Sonnenuntergang leer. Und mit Sicherheit wären auch die Tankstellen nicht mehr funktionsfähig. Also müsste er sich ein neues Auto suchen und all seine Güter umladen. Deshalb sollte es nicht allzu viel sein. Außerdem konnte er immer noch unterwegs in einen Laden einbrechen und sich nehmen, was er bräuchte. Aber dieser Gedanke machte ihm innerlich zu schaffen: Auch wenn ihn niemand beobachtete; es wäre unrecht gewesen.
Jacob machte sich auf den Weg zur Autobahn. Die Vorstadt hatte keine direkte Autobahnanbindung, deshalb musste er erst durch die halbe Großstadt gondeln. Er hatte sich schon an den Gedanken gewöhnt, mutterseelenallein auf der Straße zu sein, deshalb gestaltete sich die Fahrt an sich ereignislos. Jacob nutzte die Zeit um weiter zu überlegen, ob er das Richtige tat. Aber was war denn das Richtige? Er wusste es nicht. Es konnte ebenso richtig sein zu warten, was passieren würde oder aber die Flucht zu ergreifen und sich irgendwo sonst auf die Suche nach Menschen zu machen. Wo auch immer dieses „Irgendwo“ liegen mochte. Und falls es überhaupt noch Menschen gab. Der Gedanke ließ ihn frösteln …
Die ersten Hinweisschilder für die Autobahnauffahrt tauchten auf. Jacob atmete tief ein. Er hatte diese Auffahrt schon dutzende Male genommen, aber nie, nicht einmal nachts war sie so leer. Jetzt gab es aber kein Zurück mehr. Was auch immer ihn erwartete, er würde es herausfinden.


 

Kapitel 5

Jacob bog in die Einfahrt ein. Er überlegte, warum er das tat. Es gab keine Antwort. Jacob wusste bereits, was ihn erwarten würde: Das, was er überall sah – Nichts. Jedenfalls nichts, was auf anwesende Menschen hindeuten würde. Trotzdem wollte, nein MUSSTE, er sich davon überzeugen. Und in gewisser Weise konnte er auch Abschied nehmen und sich darauf konzentrieren den Fortgang der Welt zu planen. Auf dem Weg in die Hauptstadt hatte Jacob seinen Ford wegen Benzinmangels gegen einen kleinen, aber dafür erstaunlich geräumigen, weißen Kia eintauschen müssen. Er war an einigen Tankstellen vorbeigekommen, die, anders als normal, völlig dunkel waren. Es war gespenstisch, die Welt, die sonst stets beleuchtet ist, mal im Dunklen zu erleben. All die Laternen, Schaufenster, Autolichter und Scheinwerfer, all das war mit den Menschen verschwunden. Jacob hatte sich schon ab und zu mal gewünscht, es wäre so dunkel, aber es dann auch wirklich zu sehen und zu fühlen, war ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Die Dunkelheit, die er sonst jederzeit begrüßte, war ihm nun mehr zu einem Feind geworden, etwas, das ihm Angst einjagte. Und sie versuchte ihn hinters Licht zu führen: Auf dem Weg in die Hauptstadt sah er immer mal wieder einen Baum oder einen Stein, der sich bewegte. Jedenfalls hätte Jacob schwören können, dass er sich bewegte. Die ersten beiden Male hatte Jacob angehalten, um mit dem Stein Kontakt aufzunehmen. Sein Optimismus, doch noch Menschen anzutreffen, hatte sich aber schnell in Ernüchterung umgewandelt. Sobald die Sonne höher gewandert war, entlarvten sich die Menschenimitate von selbst. Jacob spürte mehr und mehr eine gewisse Traurigkeit, die in ihm aufstieg.
Er öffnete die Autotür und schwang seine Beine heraus. Die Sonne war bereits wieder im Begriff unterzugehen obwohl es erst früher Nachmittag war. Anders als sonst wünschte sich Jacob, dass die Sonne noch ein paar Stunden am Himmel stehen würde und ihm Lichte spendete. Er öffnete den Kofferraum und fing an, die Kisten zu durchwühlen. In der ersten Kiste fand er keine Taschenlampe, ebenso in der zweiten. Die dritte war nur mit Wäsche gefüllt und schied von vorherein aus. Jacobs Stimmung kam auf dem Nullpunkt an: Er hatte die Taschenlampe völlig vergessen. Jacob stellte die Kisten hinter sein Fahrzeug und durchwühlte den Kia von oben bis unten. Allerdings hatte sein Vorbesitzer offenbar ebenfalls vergessen, eine Taschenlampe einzupacken. Missmutig und erschöpft von der langen Autofahrt setzte er sich wieder in sein Auto. Jacob ging im Kopf seine verbliebenen Möglichkeiten durch; viele waren es nicht. er konnte entweder im Auto schlafen, andere Autos der Umgebung nach einer Taschenlampe durchsuchen oder sich blind in das Haus seiner Eltern vorarbeiten. Alle drei gefielen ihm nicht. Da er nicht genau wusste, ob und wo seine Eltern Taschenlampen in ihrem Haus verteilt hatten und er es nicht riskieren wollte, sein Auto mit seinem fahrbaren Hab und Gut zu verlassen (er war sich immer noch nicht sicher, dass ihn niemand beobachtete), gab er der Erschöpfung nach und fällte seine Entscheidung zugunsten des Autos. Jacob stieg erneut aus, verpackte die Kisten wieder im Kofferraum und klappte die Lehne des Fahrersitzes nach hinten. Anschließend verzehrte er die Reste, die er noch finden konnte und ließ sich in den Sitz sinken. Es dauerte nicht lange, bis er einschlief und einer traumlosen Nacht gegenüberstand.

 


Kapitel 6

Jacob blinzelte. Die Sonne schien durch die Seitenscheibe seines Wagens herein. Er öffnete die Augen und dehnte langsam seine verzerrten Muskeln. Jacob versuchte sich aufzusetzen, hatte jedoch große Probleme damit. Sein Rücken und vor allem seine Schulter fühlten sich an, als hätte er einige tausend Jahre auf einem Stein gelegen und sich nicht bewegt. Tastend und am Lenkrad festhaltend richtete er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Innerlich war er wütend über diese lächerliche Entscheidung; wäre er doch bloß in das Haus seiner Eltern gegangen. Selbst im Dunkeln hätte er unter Garantie ein besseres Bett gefunden.
Jacob streckte sich und wagte einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits kurz vor elf. Er hatte nahezu 14 Stunden geschlafen. Trotzdem fühlte er sich nicht gut. Einerseits wegen der Rückenschmerzen, andererseits weil er immer noch allein war. Er hatte es sich immer anders vorgestellt; die plötzliche, ungewollte Einsamkeit machte ihm zu schaffen. Mit einem Mal wünschte er sich die ganzen Menschen mit all ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten zurück. Er wünschte sich irgendjemanden, mit dem er reden konnte, oder der wenigstens da wäre. Diesen Jemand würde er sofort zu seinem Helden machen, seinen Retter.
Held. Retter. Jacob begann über die Worte nachzudenken. Held. Was definiert eigentlich einen Helden? "Ein Held ist eine Person, die, ohne auf ihre eigene Sicherheit zu achten, andere, meist unbekannte, Personen aus gefährlichen Situationen rettet.", hatte Jacob einmal gelesen. Er hatte immer zwei Geschichten im Hinterkopf, die, seiner Meinung nach, von Helden begangen wurden.
Die Erste hatte er in der Zeitung gelesen. Es ging um einen Mann, der bei einem Tunnelbrand in der Schweiz mit seinem Motorrad vor Ort war. Jener hat, ohne auf sein eigenes Leben zu achten, nacheinander zehn Menschen aus dem Tunnel befreien können. Jacob war sich sicher, dass sich dieser Mann sehr wohl der Gefahr bewusst war, in die er sich begab; er tat es trotzdem. Obwohl er keine einzige dieser Personen kannte, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks gerade zufälligerweise im Tunnel befanden. Dieser Mann fuhr elf Mal in den verrauchten und absolut lebensgefährlichen Tunnel ein, ohne sich auch nur ein einziges Mal über sein eigenes Leben Gedanken zu machen. "Mein Sohn, ich bin stolz auf dich und heiße dich herzlich willkommen!" sagen. Jacob berührte diese Geschichte immer. Er trug sie seit einigen Jahren im Herzen und dachte ab und zu, wenn mal wieder von einem Unfall oder Unglück in den Nachrichten zu hören war, daran.
Die zweite Geschichte fand in einer amerikanischen Großstadt statt. Jacob hatte ein Bericht über den Helden im Fernsehen gesehen. Es war an einem U-Bahn-Bahnhof. Ein Mann ist - Jacob weiß nicht mehr warum - auf das Gleis gestürzt und bewusstlos liegengeblieben. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof recht gut besucht; das Unglück wurde von etlichen Passanten beobachtet. Einer von ihnen (er war gerade mit seiner Tochter unterwegs; sie war gerade acht, vielleicht zehn, Jahre alt) reagierte sofort und sprang hinterher. Er versuchte den Mann hochzuziehen, was ihm aber nicht gelang. Unglücklicherweise befand genau in diesem Moment ein U-Bahn-Zug auf dem Weg in den Bahnhof. Der Lokführer konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Was hat der Held also gemacht? Er hat nicht, wie es jemand anderes vielleicht tun würde (und was auch niemandem zum Vorwurf gemacht werden soll), versucht seine eigene Haut zu retten; nein, er hat den Mann gedreht, damit sich keine Gliedmaßen mehr auf den Schienen befinden, und sich anschließend über ihn geworfen. Der Zug ist über beide hinweggerauscht; das Mädchen und die Passanten, die das Ganze beobachtet haben, haben geschrien und der Lokführer hat sich schon unnötige Vorwürfe gemacht (es war ja nicht seine Schuld). Glücklicherweise haben beide überlebt: Der Held und sein Schützling. Unser Held hatte lediglich eine kleine Abschürfung. Ich hatte diesen Mann gesehen; er hatte einen Anfall oder so und ist auf die Gleise gestürzt. Da habe ich schnell gehandelt und versucht ihn zu retten." sagte er im anschließenden Interview. Die ganze Stadt feierte ihn. Und er hatte es sich verdient.
Jacob brauchte jetzt einen Helden. Niemanden, der ihn aus einem brennenden Tunnel oder von den Gleisen der U-Bahn rettete, sondern einfach jemanden, der für ihn da war. Das wäre für ihn einem Helden gleichgekommen. Die inzwischen schreckliche Einsamkeit entwickelte sich langsam zur Unerträglichkeit.
Resigniert betete er kurz zu seinem persönlichen Retter und Helden und raffte sich auf um etwas zu Essen zu finden. Der Hunger gesellte sich langsam zur Einsamkeit und machte ihr den Platz streitig. Er verließ den Kia und ging langsam auf die Haustür zu. Jacob war hier schon etliche Male gewesen, aber es war ihm unheimlich zumute. Er hatte Angst. Obwohl er wusste, dass er niemanden antreffen würde; ja nicht einmal Leichen herumliegen würden, hatte er Angst. Er würde auch nur das Nötigste holen: Frisches Wasser, wenn möglich und einen Gaskocher. Jacobs Eltern waren begeisterte Camper. Jedes Jahr verbrachten sie ihren Sommerurlaub in einem anderen Zeltgebiet. Sie hatten eine beachtliche Ausrüstung von hoher Qualität. Jacob hatte einmal versucht zu errechnen, wieviel Geld seine Eltern bereits in all den Krempel investiert hatten; er hatte aber nach ein paar Tausend Euro aufgehört. Für ihn würden sich all die Anschaffungen jetzt bezahlt machen; seit dem Stromausfall war eine Campingausrüstung mehr wert als Gold und Diamanten.
Jacob steckte den Schlüssel in das Schloss. Seine Eltern hatten ihm einen Schlüsselsatz überlassen, für den Fall, dass er mal bei ihnen rein musste, wenn sie nicht da waren oder falls sie mal ihren Schlüssel vergessen hatten. Er hatte zwar vorgeschlagen, dass seine Schwester den Schlüssel bekommen sollte; letztendlich war er trotzdem bei ihm gelandet. Auch das empfand er nun als glücklichen Umstand, auch wenn er mühelos eine Scheibe hätte einschlagen können.
Anfangs hatte Jacob fast alle seiner Freundinnen seinen Eltern vorgestellt. Mit einigen hatten sie zusammen gegessen. Seine Eltern hatten immer gehofft, dass diese oder jene Beziehung halten würde, wenigstens ein bisschen. Einige mochten sie auch wirklich. Anderen hatten sie ganz offen gezeigt, was sie von ihnen hielten. Aber am Ende hatten sie alle Hoffnungen aufgegeben; Jacob hat seine Freundinnen auch nicht mehr weiter vorgestellt. Vitória kannten sie auch nicht und würden sie auch nicht mehr kennenlernen. Viel mehr bedrückte es ihn noch, dass seine Schwester sie nie zu Gesicht bekommen würde, denn sie hatte sich nie beklagt oder auch irgendwie eine Wertung mit hinzugezogen. Und sie war bisher auch mit jeder klargekommen. Es war schön nicht immer Rechenschaft schuldig zu sein, warum man schon wieder eine neue Freundin hatte. Und mit Vitória hatte er ein gutes Gefühl, ein anderes; zumindest jetzt.
Die lasierte, holzfarbene Tür öffnete sich geräuschlos. Jacob wagte den ersten Blick ins Innere: Einige Paar Schuhe standen aufgereiht im Flur; er erkannte die Halbschuhe seines Vaters. Über ihnen waren sorgfältig Mäntel, Jacken und Schals aufgehängt. Es wirkte, also seine Eltern entweder in den Urlaub oder sogar nur zur Arbeit gegangen wären. Er schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, herunter. Jacob hatte etwas in der Art erwartet, aber dann wirklich in dem völlig leeren Haus seiner Eltern zu stehen war eine ganz andere Sache.
Die Campingausrüstung befand sich höchstwahrscheinlich auf dem Dachboden. Jacob nahm die Treppe ins Obergeschoss und begab sich in den zweiten Stock. Er zwang sich dazu nicht weiter nach irgendwelchen Spuren seiner Eltern Ausschau zu halten, sondern ging gleich über die schmale Treppe zum Dachboden hinauf. Seine Vermutung bestätigte sich: Der Dachboden war im Prinzip ein Lager von Ausflugsartikeln aller Art: Zelte, Faltboote, diverse Jacken, Skier und jede Menge Kleinkram waren wohlsortiert und gut beschriftet in Kisten, Kästen, Regalen und Boxen auf dem Dachboden untergebracht. Jacob fühlte sich ein wenig wie in einem Globetrotterladen. Einige der Zelte kannte er noch; er war einige Male mit seinen Eltern im Campingurlaub in Skandinavien gewesen. Er mochte diese Urlaube. In den letzten Jahren hatte er sich immer weiter von seinen Eltern entfernt. Einerseits, weil er in eine andere Stadt gezogen war, andererseits, weil ihre Interessen immer weiter auseinanderdrifteten. Jacob war selbständig geworden. Er hatte nun sein eigenes Leben, in das sich zwar seine Eltern zum Einen nicht reinhängen sollten, zum Anderen aber förderte er seine eigene Vereinsamung. Auch seine Gelegenheitsfreundinnen machten diesem Prozess kein Ende.
Er machte sich auf die Suche nach dem Gaskocher. Neben einem gut verpackten Zelt fand er gleich zwei; Jacob nahm sie beide mit. Außerdem ließ er noch eine Palette Gaskartuschen mitgehen; sie waren für ihn überlebensnotwendig. Auf dem Weg nach unten überlegte er noch einmal; und nahm anschließend noch das Zelt, eine Tüte Heringe, einen Hammer, eine Axt, eine Hightech-Jacke und einen dicken Schlafsack mit. Getreu nach dem Motto "Was ich nicht brauche kann ich immer noch wegwerfen" packte er die Rückbank seiner Karre voll. Bevor er sich wieder auf den Weg machte, durchstöberte er noch die Küche und pickte sich die nützlichsten Dinge heraus. Da er auf alles vorbereitet sein musste, vor allem darauf, keine frische Nahrung mehr zu bekommen, wollte er sich eindecken, solange er noch die Möglichkeit dazu hatte. Zu guter Letzt schrieb er noch einen Brief an seine Eltern in dem er erklärte, was er alles genommen hatte und warum er es überhaupt tat. Jacob wusste, dass seine Eltern den Brief niemals lesen würden, aber er konnte zumindest sein Gewissen damit beruhigen. Mit einem letzten Blick auf sein Elternhaus verabschiedete er sich von seinen Verwandten und machte sich auf ins Nirgendwo.

Die Geschichte ist dafür bekannt, dass sie manchmal einen unerwarteten Verlauf nimmt. Beispielsweise gibt es die Legende, dass eine Sonnenfinsternis dem Krieg zweier, um die Vorherrschaft in Südamerika kämpfender, Naturvölker ein plötzliches Ende gesetzt hatte. Oder dass der Abwurf der ersten Atombombe der Welt nicht auf Dresden erfolgte, weil der Angriff auf Pearl Harbor dazwischenkam. Sei es wie es sei, ob diese Geschichten wahr sind oder nicht: Auch kleine Veränderungen können große Wirkungen nach sich ziehen. Während Jacob sich auf den Weg in sein Nirgendwo macht setzen sich ein paar hundert Kilometer von ihm entfernt Dinge in Gang, die er zwar vermuten könnte und möglicherweise auch vermutet hätte, wenn ihm danach gewesen wäre, die er aber nicht vermutete. Er war viel zu sehr in Gedanken an Vitória und sein Schicksal als letzter Dinosaurier, der die ausrottende Naturgewalt überlebt hat, versunken um daran zu denken, dass es möglicherweise ein paar hundert Kilometer von ihm anfing zu regnen…


 

Kapitel 7

Eigentlich wusste Jacob nicht, wohin er sich wenden sollte. Da es jetzt sowieso egal sein würde, welchen Weg er nahm, machte er sich auf zur Küste. Er war selten an der Küste gewesen, zu selten für seinen Geschmack. Er mochte Meer und Strände. Leider war die „nahe“ Küste selbst im Sommer recht kalt. Man konnte zwar baden, aber meistens nur wenige Tage im Jahr. Außerdem war es oft sehr windig. Und auch dadurch wurde viel Wärme wieder verweht. In dieser Jahreszeit war baden im Meer sowieso unmöglich, aber er könnte sich vielleicht einen Landsitz am Meer einrichten. Jacob hatte schon oft davon geträumt am Meer zu wohnen. Das Rauschen der Wellen, die frische Luft und der Gesang der Möwen (von den meisten eher als Geschrei abgetan) hatten ihn schon immer angezogen. Auch die Kälte würde ihm nichts ausmachen; selbst im eiskalten Atlantik in Skandinavien war er bereits geschwommen (allerdings nur für sehr kurze Zeit, mehr hatte auch er nicht ausgehalten). So würde er sich wenigstens einen Wunsch erfüllen können. Allerding ohne Vitória.

Der Regen wurde stärker und peitschte gegen alles, was ihm im Weg stand. Häuser, Bäume, Zäune und Autos wurden ebenso nass wie manche Inneneinrichtungen, wo Fenster offen standen. Der Herbst machte mit aller Macht klar, dass er die Chance nutzte, dass die Menschen sich ihm nicht widersetzen konnten, um sich ein Stück seines geraubten Hab und Guts wiederzuholen. Gestärkt durch Wind und angespornt durch die erstarkende Kälte fuhr er sein gesamtes Repertoire auf um eine gute Show abzuliefern. Abgesehen davon, dass niemand diese Show beobachten konnte, war sie vollends gelungen und wäre die Top-Schlagzeile in den Nachrichten geworden: Die ersten Dächer wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt und Keller überflutet. Die Schleusen standen kurz davor zu kapitulieren und gaben das, was sie eigentlich verschwinden lassen sollten in Rinnsalen und kleinen Bächen preis. Üblicherweise war zu einem solchen Zeitpunkt bereits ein Ameisenheer an Feuerwehrleuten und freiwilligen Helfern angerückt, um dem Wind, dem Regen und der Kälte die bereits zurückgewonnenen Schätze wieder abzuringen. Doch es war niemand da und so konnte die Allianz der Naturgewalten die Katastrophe in allen Details ausführen.

Die Kälte ließ den Regen zu Schnee werden.

Jacob wusste von alledem nichts. Es kamen schon seit Stunden, ja mehr als einem Tag keine Nachrichten mehr. Alles, was er von der aktuellen Situation wusste, war das, was er selbst gesehen hatte. Und das war überall gleich: Verlassen.
Leichter Regen setzte ein und Jacob stellte den Scheibenwischer auf Intervallwischen ein. Er beobachtete die Regentropfen, die teils durch ihre eigene Trägheit von der Scheibe glitten. Die Straßen waren größtenteils erstaunlich frei. Die meisten Autos waren nach links oder rechts gedriftet, sodass eine Mittelgasse frei war. Jacob war froh darüber, dass er seinen Weg schnell hinter sich bringen konnte, obwohl er wieder unsicher war, was er dann tun sollte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er für diese „Sache“ ausgesucht wurde und jeder andere sicher auch so oder so ähnlich gehandelt hätte. Außerdem war so oder so jede Entscheidung in gewisser Weise reversibel.
Jacob überlegte womit er sich die Stimmung versüßen könnte. Leider hatte er es vergessen sich Musik einzupacken und in seinem Auto war leider auch nichts zu finden. Da das Radio tot war, hatte er also keine Möglichkeit sich ein wenig Ablenkung zu verschaffen. Wehmütig wünschte er sich ein wenig Pet Shop Boys oder Maria Mena. Letztere verehrte er besonders. Er liebte ihre Musik und vor allem den Ausdruck und die Hingabe mit der sie ihre Musik zum Ausdruck brachte. Dann auch noch in ihrem Alter alle Musik inklusive der Texte völlig allein zu schreiben und mit einer solchen Perfektion zu interpretieren zog ihn in ihren Bann. Aus dem Internet wusste Jacob, dass Maria Victoria Mena (selbst ihr Name erinnerte ihn jetzt an Vitória) ein Savant war. In ihrem Kopf bildeten sich beim Hören von Musik Farben. Sie interpretierte ihre Lieder auch durch Farben, möglicherweise wirkten sie deshalb so harmonisch auf Jacob, auch wenn er Zeit seines Lebens kein Savant war.
Leise summte er „Your Glasses“ vor sich hin; sein Lieblingslied. In seinem Kopf verschmolzen Vitória und Maria miteinander.

Der Schnee bedeckte eine Eisschicht, die sich langsam auf dem Wasser bildete. Es war bereits so kalt, dass selbst die kleinen Rinnsale zu vereisen begannen und Schichten aus dünnem, aber tückischem Eis bildeten. Zugedeckt vom Neuschnee war diese hinterhältige Falle der Natur bereit, die Menschheit komplett auszulöschen. Die Natur brauchte die Menschen sowieso nicht, dieser komplette Fehlgriff war abhängig von der Natur. Aber es würde sich alles zum Guten wenden.

Mit überhöhter Geschwindigkeit näherte sich Jacob seinem ihm noch unbekannten Ziel. Die Küste war groß; er wusste nicht genau, wo er ankommen würde. An sich war es ihm aber egal; eine Unterkunft würde sich überall finden lassen.
Jacob spürte, wie es langsam kälter wurde. Zur Küste hin war es meistens kälter. Der Regen verwandelte sich in Schneeregen. Er drehte die Heizung etwas mehr auf. Gleichzeitig überlegte er, wie schnell so ein kleiner Kia wohl fahren könnte. Der Tacho reichte bis 200, aber üblicherweise schafften es die Autos  nicht bis zum Anschlag. Jacob drückte das Gaspedal durch. Der Kia röhrte auf und beschleunigte. Die Tachonadel bewegte sich von der 120 auf die 140 zu. Für Jacob reichte das noch nicht; er wollte den Kia komplett ausreizen.

Der Schneefall verebbte langsam. Die Natur hatte ihr Werk getan und musste jetzt nur noch abwarten.

Jacob hatte die 160 bereits überschritten und raste die Autobahn entlang. Der Schneeregen war bereits richtigem Schnee gewichen. Er beachtete ihn aber nicht. Sein Rausch ließ ihn die Geschwindigkeit weiter erhöhen. 170…180. Adrenalin bewältigte sich seines Körpers. Es reichte ihm aber noch nicht. Jacob wollte noch mehr. Und er holte sich noch mehr. Mehr als 190 gab der Kia aber nicht her. Also hastete er mit 190 weiter seinem Ziel entgegen.

Gleich zu Beginn der Fahrschule lernt man, dass man bei Glatteis vorsichtig fahren soll. Es wird vor den verschiedenen Arten des Glatteises gewarnt, auch vor dem Blitzeis, dass, wie sein Name schon ausdrückt, recht schnell entstehen kann. Und genau deshalb ist es ja auch so besonders gefährlich.

Jacob hatte diese Warnungen immer beachtet und sich stets korrekt im Straßenverkehr verhalten. Einerseits wegen der möglichen Strafe und andererseits um seiner selbst willen.

An diesem Tag jedoch beachtete er sie nicht.

Jacob raste durch den Schnee. Er wurde durcheinandergewirbelt und bildete eine leichte Nebelfahne hinter dem Kia.

In einiger Entfernung bemerkte Jacob einen querstehenden Lastwagen. Er betätigte die Bremse. Nichts geschah. Ein Adrenalinstoß schoss in seinen Blutkreislauf. Panik stieg in ihm auf. Er presste seinen Fuß fester auf das Pedal. Ein Ruck schüttelte den Kia durch; er wurde nach rechts geschleudert. Jacob schlug mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe. Ein heftiger Schmerz brach durch seine Schläfe in sein Inneres. Ein wenig Blut rann ungesehen an Scheibe nach unten. Nach mehrmaligem tangieren der Leitplanke ließ sich sein Wagen von dem LKW aufhalten. Jacob wurde in den Airbag gedrückt. Er bekam von alledem nicht viel mit, denn er wurde Bruchteile von Sekunden nach dem Aufprall ohnmächtig.


 

Kapitel 8

Jacob erwachte. Kalter Schnee wehte durch die zertrümmerte Tür und die zerstörten Fenster hinein. Eine Lache aus Blut und Wasser, halb gefroren, halb nass und kalt hatte sich um ihn herum gebildet.
Er war nicht imstande seine Gliedmaßen zu bewegen. Sein rechtes Bein spürte er überhaupt nicht. Alles andere schmerzte unsäglich. Die Folter in seinem Inneren war noch viel weniger auszuhalten. Es  war, als hätte man ihn an mehreren Stellen mit Metallstangen durchbohrt. Sofort nach dem Augenöffnen bereute er es und schloss sie wieder. Aus einer Seite seines Wagens hatte sich der Großteil seiner Güter auf die vereiste Autobahn ergossen. Es würde niemand kommen um dieses Chaos zu beseitigen. Es würde niemand kommen um Hilfe zu holen. Es würde niemand kommen um ihn zu retten. Und selbst retten konnte er sich nicht. Er hatte nicht einmal die Kraft, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er konnte nur warten, dass das Schicksal ihn erreichte. Allein. Verlassen.

Kalter Schnee wehte über sein Gesicht. Der Frost schmerzte weniger als sein Körper. Sein Körper schmerzte selbst jetzt weniger als die quälende Einsamkeit.

Irgendwann wurde es dunkler. Jacob erwartete sein einsames Ende…

 

Kapitel 9

Jacob wachte auf. Die Sonne schien durchs Fenster hinein, es war hell. Er öffnete die Augen und sah die Zimmerdecke. Es war warm, der Geruch frischer Brötchen lag in der Luft. Entfernt hörte er eine Frauenstimme ein Lied zum Klang eines Radios summen. Mit einem Ruck setzte er sich auf. „Vitória“, war das einzige, was er herausbrachte. Er sprang auf und rannte in die Küche. Als er die Tür aufriss sah er Vitória, die gedankenverloren einen Teller mit Schinken und Käse garnierte. Sie erschrak so sehr, dass sie den Käse in ihrer Hand auf den Teller fallen ließ und ihr ein Seufzer entfuhr.
„Du kannst mich doch nicht so erschrecken!“, keuchte sie hervor.  Sie schaute Jacob an und musste lachen: „Du siehst aus, als wärst du gerade kilometerweit durch eine menschenleere Einöde gerannt!“
„Ich“, stammelte Jacob, „ich…ich bin nicht tot!“
„Nein, meu lindinho!“, erwiderte sie leicht amüsiert, „Ich passe doch auf dich auf. Du hast sehr fest geschlafen. Du hast nicht einmal den Wecker gehört. Ich hab versucht dich zu wecken, dann aber aufgegeben. Deshalb habe ich dich ausschlafen lassen.“
Jacob schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zehn. Er wollte etwas sagen, aber aus seinem Mund kamen keine Worte heraus. Vitória musste jetzt laut losprusten.
„Ist doch nicht so schlimm, dann gehst du heute eben später zur Arbeit. Die kommen auch mal ein paar Stunden ohne dich aus.“, sagte sie und umarmte ihn. Jacob schlang seine Arme um sie. Er atmete einen Duft, den er schon seit Jahren nicht mehr kannte. Eine Träne trollte sich über seine rechte Wange.
„Nicht so fest, du zerdrückst mich noch!“, flüsterte sie ihn sein Ohr und setzte einen Kuss drauf.
„Ja, klar.“, antwortete er immer noch desorientiert.
„Jetzt beruhige dich erst mal. Setz dich. Ich mache Frühstück und dann gehst du zur Arbeit.“
„Nein.“, platzte es aus ihm hervor, „Nein, heute nicht. Ich…ich mache heute was mit dir. Wir gehen spazieren…oder fahren weg oder…“
Vitória musste erneut loslachen, „Naja, wenn du unbedingt willst. Ich habe nichts dagegen.“
Mit dem gleichen Lächeln, mit dem sie ihn erobert hatte gab sie ihm noch einen Kuss auf die Stirn.
„Zieh dich an, dann gibt’s Frühstück und dann sehen wir weiter. Du wirkst als hätten wir uns seit Jahren nicht gesehen.“
„Ja, so fühle ich mich…“
„Ach Jacob, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe.“
„Ja, da hast du wohl recht…“, murmelte Jacob beim rausgehen.

Nach dem Frühstück, das Jacob bewundernswert und unübersehbar mit all seinen Sinnen aufnahm, schaute er Vitória unerwartet in die Augen.
„Ich nehm Urlaub und wir fahren weg. Wünsch dir wohin.“, meinte er. Vitória saß wie versteinert da und starrte ihn an. Es wurde abrupt still. Jacob lächelte. Ein ehrliches Lächeln.
„Ich möchte dir einfach eine kleine Freude machen. Und ich hab ja auch was davon.“
„Das ist…ist…das ist als würdest du mir einen Heiratsantrag machen!“, war das Erste, was ihr einfiel.
„Dafür ist es noch zu früh.“, entgegnete Jacob, dessen Lächeln inzwischen zu einem Grinsen angewachsen war, „Such dir einfach was aus.“

An diesem Tag machte Jacob noch einige merkwürdige Bemerkungen, die Vitória nicht verstand. Sie nahm es jedoch mit Humor, denn sie liebte ihn. Irgendwie fand sie es auch süß. Sie wusste, dass er der Richtige war…

Über mich

Das bin ich.Jac de Lad
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