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Samirana (Tag 1)

Letzte Änderung: 18.03.2009

Tag 1

„Wenn du Probleme hast, iss ein paar gegrillte Eicheln und deine Sorgen lösen sich von allein auf.“
- Farrell -

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Am besten, ich beginne beim Anfang. Wobei…ich weiß auch gar nicht wann und womit es genau anfing. Ich war plötzlich auf einem Baum. Ein großer, grüner Baum. Ich glaube es war eine Buche. Oder auch nicht. Jedenfalls, davor bin ich in mein Bett gegangen. Und dann plötzlich – bumm - der Baum. Um es vorweg zu nehmen: Nein, ich habe das, was ich im Folgenden schildern werde weder geträumt noch halluziniere ich. Es war real, auch wenn ich es mir nicht erklären kann. Wie auch immer.
Ich bin also auf diesem Baum aufgewacht. Mitten in der Krone ganz oben. Der war mindestens 30 Meter hoch, mir wurde auch gleich übel vom runter schauen. Also habe ich mich sofort am nächsten Ast festgekrallt. Der war Gott-Sei-Dank stark genug, mich zu halten. In diesem Moment war ich sicher, dass es ein Traum sei. Sowas muss ein Traum sein. Oder ich war verrückt geworden. Auch gut. Beides nicht unbedingt mein Herzenswunsch. Also schloss ich meine Augen und versuchte an etwas anderes zu denken. Soll ja helfen beim Träumen: Man denkt an etwas anderes und schwupps ändert sich der Traum nach Belieben. Vorsichtig öffnete ich meine Augen für einen Spalt. Nichts. Also, nicht, dass „Nichts“ da war, nein, es hatte sich nichts geändert. Also Plan B. Kneifen. Nein, das war unmöglich. Ich war mit beiden Händen damit beschäftigt mich festzuhalten, da war kein kneifen drin. Dann Plan C. C? Gibt’s nicht. Pläne enden immer bei B. Aber da ich B schon fürs Kneifen eingespannt hatte, war‘s das also mit meinen Rettungsplänen. So und nun? Ich konnte nur noch auf Hilfe warten. Falls jemand kommen, mich überhaupt sehen oder hören und gewillt sein würde, mir zu helfen. Wunderbare Aussichten. Wie lange konnte so etwas dauern? Eine Stunde? Zwei? Ein Tag? Oh mein Gott! Möglicherweise würde hier nie jemand vorbei kommen.
Ich wagte einen Blick in Richtung Stamm. Der Ast war mindestens drei Meter lang. Drei Meter, auf denen man in allen Variationen abstürzen kann. Und wenn ich dann doch den Stamm erreicht hätte, was dann? Ich wäre auch nicht schlauer geworden. Oder weiter gekommen.
„Hallo!“
Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich wagte einen Blick nach unten. Nichts als Blätter. Kein Boden. Und auch keine Personen.
„Ähhh, hallo, können Sie mir vielleicht helfen?“
„Kommt darauf an, wobei?“
„Naja, ich fühle mich hier oben recht unwohl. Haben Sie vielleicht eine Leiter oder was in der Art, damit ich hinuntersteigen kann?“
„Leiter? Hast du jemals ein Eichhörnchen mit Leiter gesehen??? Witzbold.“
„Ich habe auch nichts von einem Eichhörnchen gesagt, sondern nur eine Leiter.“
„Tut mir leid, aber ich bin ein Eichhörnchen. Ist nicht meine Schuld. Meine Eltern waren’s.“
Ich kann mir jetzt bildlich vorstellen, wie sich meine Pupillen geweitet haben müssen. Langsam, sehr langsam wandte ich meinen Blick von unten nach oben. Und da war tatsächlich ein Eichhörnchen, das mich angrinste. Also doch ein Traum. Oder nein, ein Koma. Ja genau. Komas sind auch noch nicht erforscht, da ist alles möglich. Also gut, dann eben ein sprechendes Eichhörnchen.
„Hallo, wie heißt du?“
„Farrell. Und du?“
„Clemens.“
„Clemens?“, beutelte sich Farrell vor lachen. „Clemens??? Ich kenne ein Streifenhörnchen namens Clemens. Aber das bist sicher nicht du. Es sei denn, du hast in den letzten drei Zyklen 150 Pfund zugenommen.“
„Nein, das bin ich sicher nicht. Ich bin gerade erst angekommen.““
„Und wo kommst du her?“
Farrell trippelte ständig hin und her. Er schien Probleme zu haben mal ein paar Momente still zu stehen.
„Aus Berlin.“
„Wo liegt das? Nie davon gehört. Das muss weit weg sein. Noch hinter Utgard.“
„Ja, ich denke schon. Bei uns können Eichhörnchen auch nicht sprechen.“
„Wieso das? Habt ihr es ihnen verboten?“
„Nein, sie können es einfach nicht.“
„Lächerlich. Das weiß doch jedes Kind, dass Eichhörnchen sprechen können.“
„Dann habe ich offensichtlich was verpasst.“
„Du bist reichlich seltsam. Außerdem bist du der erste Mensch, den ich auf einem Baum sehe. Also, ohne Leiter und so.“
„Ja, normal ist das nicht.“
„Und warum tust du das dann?“
„Ich weiß nicht. Das war so nicht geplant. Ich wollte eigentlich nur schlafen.“
„Dann solltest du eins eurer Menschenhäuser aufsuchen.“
„Würde ich ja gern, aber ich weiß nicht, wie ich hier herunterkommen kann.“
Farrell wuselte ein wenig auf meinem Ast herum. Er schaute mal hier, mal dort und trippelte wieder zurück, damit ich ihn besser sehen konnte.
„Das wird schwierig. Du bist einfach zu groß zum Klettern.“
„Danke, so weit war ich auch schon.“
„Hey, es ist nicht meine Schuld, dass du hier bist!“
„Entschuldigung, ich…“
„Still!“
Farrell hielt plötzlich mucksmäuschenstill. Unter uns raschelte das Laubwerk. Ob es die unteren Blätter meines Baumes oder etwa Büsche waren konnte ich nicht feststellen. Mit ein paar Sätzen war Farrell nach unten gehuscht. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen und wieder einmal abzuwarten. Ich seufzte.
Nach ein paar Minuten kam er wieder nach oben geeilt. Er strahlte über beide Backen, als hätte er gerade eine meterhohe Eichel entdeckt.
„Ich hab dir Hilfe besorgt!“
„Ich denke mal, die Hilfe ist zufällig hier vorbeigekommen, oder?“
„Das kann man sehen wie man will.“
„Wie auch immer, wer ist es? Ein sprechender Biber?“
„Sprechender Biber? Du Spaßvogel! Bist du Hofnarr?“
„Nein, Systemadministrator.“
„Ich nehme mal an, in deinen seltsamen Landen ist das in etwa das Gleiche. Nein, kein Biber, also, ein Mensch wie du. Den Göttern sei Dank ein wohlgesonnener, wie du. Er hat gesagt, er kommt mit einer Leiter wieder.“
„Gott sei Dank wohlgesonnen? Mögen die Menschen hier keine Eichhörnchen?“
„Die meisten finden uns lästig. Ich hab keine Ahnung warum…“
Ich schon. Aber ich wollte Farrell nicht verärgern; immerhin hatte er mir seine Hilfe angeboten und dafür war ich äußerst dankbar.
„…jedenfalls“, fuhr er in einem Atemzug fort, „holt er die Leiter und hilft dir dann runter. Solange bleibe ich hier bei dir, damit du nicht alleine bist.“
‚Na Danke‘, schoss es mir durch den Kopf, ‚Ich lunger hier auf einem Baum mit einem endlos quasselnden Eichhörnchen und warte auf einen Menschen, den ich nicht kenne, damit er mir mit einer Leiter hinunterhilft. Was noch ein paar Stunden dauern kann. Wie kann es noch besser kommen?‘
Farrell beschleunigte seinen Redeschwall: „Kennst du eigentlich die Geschichte von meinem Vetter Abiro und wie er bei einer Geburtstagsfeier doch tatsächlich vom Baum gefallen ist? Ach nein, kannst du ja nicht, du bist ja neu hier, also, und ich bin mir sicher, dass die Geschichte schon bis nach Bronheim vorgedrungen ist, ich erzähl sie dir trotzdem, jedenfalls es war der Geburtstag von Abiro und…“
Ich versuchte mein Gehirn abzuschalten. Wenn ich loslasse, dann jetzt. Was bitte kann so interessant an einem Eichhörnchen sein, das vom Baum fällt?
„…und wir hatten jede Menge Eicheln dabei: gegrillte Eicheln, gekochte Eicheln, gebratene Eicheln, gefüllte Eicheln, Eicheln im Sauerampfermantel, Eicheln…“
Mir wurde schlecht. ‚Eicheln mir Würmern, Eicheln mit Maden, Eicheln mit Spinnen…‘
„…und mein Cousin Marian…“
‚Was hat der wohl mitgebracht? Tausend und eine Variation Haselnüsse. Die sind wenigstens essbar.‘
Mir war jetzt klar, warum niemand die Eichhörnchen hier mochte. Glücklicherweise hörte ich bereits ein Pfeifen. Selten war ich so glücklich einen Menschen zu hören. Unglücklicherweise schien Farrell nichts davon mitzubekommen, denn er leierte immer noch seine ermüdende Familiengeschichte herunter.
Das Rascheln wurde lauter und hinter Farrell tauchte ein blondgelockter Kopf auf. Mein Retter!
„…und Abiro hat so viel von den frittierten Eicheln gegessen…oder waren es die gebratenen, nein, die gefüllten…oder?...“
„Hat er dir seine Familiengeschichte erzählt?“, übertönte der junge Mann meinen Peiniger.
„Ja, und er hat auch nichts ausgelassen. Kennst du schon die Geschichte von seinem Vetter Abiro, der vom Baum fiel?“
„Nein, und wenn du sie mir erzählst lasse ich dich hier oben!“
Farrell drehte sich verärgert um und versuchte meinen Befreier mit einem bösen Blick einzuschüchtern. Aufgrund seiner geringen Körpergröße war dies jedoch aussichtslos. Die Verärgerung  war deutlich in seiner piepsigen Stimmer zu hören: „Siehst du, das habe ich damit gemeint, dass Menschen keine Eichhörnchen mögen.“
„Das liegt vielleicht an deinem unglaublichen Kommunikationsbedürfnis. Versuch doch mal das Ganze ein wenig ruhiger anzugehen.“
Nun meldete sich auch der Blondgelockte zu Wort: „Der Knabe hat recht. Wenn du nicht so viel quatschen würdest, wärst du gleich viel angenehmer.“
Farrell seufzte und machte sich aus dem Staub.
„Warte!“, rief ich ihm hinterher. Aber er war bereits außer Sichtweite.
„Trauer ihm nicht nach. Die werden ratzfatz lästig. Ich muss dann noch aufs Feld und arbeiten, wäre angenehm, wenn wir die Kaffeegesellschaft hier langsam beenden könnten.“
„Ja, klar.“, antwortete ich. Mühsam rutschte ich auf meinem Ast in Richtung Leiter. Den Blondschopf schien das zu amüsieren. Inzwischen war mir das auch mehr oder weniger egal. Das Maximum der Peinlichkeit und Bizarrerie war unter Garantie schon erreicht. Und dann endlich auch die Leiter. Mit wackeligen Knien machte ich mich langsam wieder auf den Weg dem Erdboden entgegen. Es war ein gutes Gefühl feste Erde unter meinen Füßen zu spüren. Ganz kurz dachte ich sogar darüber nach, den Erdboden zu küssen, aber das Laub und die feuchte Erde schreckten mich dann doch ab. Ein „Danke“ an meinen Retter schien mir passender. Er war ein Stück größer als ich und gekleidet wie ein mittelalterlicher Bauer oder ein Knecht.
„Erzähl mir von dir bei einer Tasse Raschkantee.“
„Was ist mit deiner Arbeit? Ich will dich nicht davon abhalten…“
„Die kann auch noch einen Zyklus warten. Komm, erzähl mir von dir. Du trägst seltsame Kleidung und scheinst von weit weg zu kommen.“
„Ähh, ja.“
„Was bist du für einer? Ein Hofnarr?“
„Ähh, ja, sowas in der Art.“
„Kommst du aus Utgard?“
„Nein, ähh, ja, aus Utgard.“
„Wie geht es Königin Amariel?“
„Gut, sehr gut.“ Irgendwie verstrickte ich mich immer weiter in ein Geflecht aus Notlügen…
„Naja, wie auch immer, komm mit. Der Tee wird dir Kraft für den Heimweg geben. Ich wohne nicht weit von hier.“
„Danke.“
Blondschopf baute die Leiter wieder ab und wir machten uns auf den Weg.

‚Ich wohne nicht weit von hier.‘ Das war natürlich eine Lüge. Sicher hatte er es nicht mit Absicht getan. ‚Nicht weit‘ bedeutete offenbar zehn Kilometer Minimum. Über den unwegsamen, kleinen Waldweg kam es mir vor wie zwanzig Kilometer. Das einzig schöne daran, war der malerisch verträumte Wald, der uns beidseitig umgab…den ich aber kaum genießen konnte. Nach gefühlten hundert Kilometern Fußmarsch lichtete sich der Wald und machte Platz für eine Wiese, die alsbald in ein Feld überging. Am Rand des Felds stand eine kleine, äußerst romantische Hütte.
„Mein Schloss“, kommentierte Blondschopf.
„Nett“, bestätigte ich.
Die Hütte war in einem sehr guten Zustand. Sicher hatte Blondschopf das alles selbst gebaut und hielt es auch instand. Für meinen Geschmack waren nur die Fenster ein wenig zu klein geraten, dafür waren sie aber mit kunterbunten Blumen geschmückt. Vor dem Haus tollten zwei kleine Kinder mit einem Hund herum. Beim Näherkommen konnte ich erkennen, dass es kein Hund, sondern etwas anderes, aber hundeähnliches war. Es hatte weder Ohren noch einen Schwanz.
„Hässlicher Hund“, entfuhr es mir.
„Hässlich? Du magst wohl keine Hunde?“
„Doch, aber mit Ohren und Schwanz.“
„Ohren. Und Schwanz. Na, das nenn ich hässlich. Den Göttern sei Dank haben Hunde keine Ohren und keinen Schwanz. Du bist ein seltsamer Knabe. Aber ich mag dich. Ich bin übrigens Pakras.“
„Ich bin Clemens.“
„Du hast einen Eichhörnchennamen? Deine Eltern müssen betrunken gewesen sein, als du geboren wurdest!“
„Pakras ist auch nicht gerade der Hammer.“
„Es ist ein sehr häufiger Name.“
Ja, klar, logisch, der Renner. Warum war ich da nicht selbst drauf gekommen. In diesem Augenblick kam eine wunderschöne Frau aus dem Haus. Langsam gefiel mir dieses Land (oder wo immer ich auch sein mochte).
„Meine Frau Claria.“
Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Ihr Haar war auch blond, lang und weniger gelockt als Pakras‘ Haar. Und ziemlich lang. Außerdem war sie etwa genauso groß wie er und damit ein Stück größer als ich. Blaue Augen hatte sie - und spitze Ohren.
„Eine...Elfe???“, entfuhr es mir.
„Ja, ich bin eine Hochelfe. Aber ich beuge mich nicht den Vorstellungen meiner Ahnen. Wenn es nach mir geht sollten alle Völker gleichberechtigt sein.“, erwiderte sie ohne etwas an ihrem Lächeln zu verändern.
„Hochelfe, soso…und was für Elfen gibt es sonst noch so?“
Pakras schaute mich verwirrt an: „Was meinst du? Warum stellst du eigentlich immer  so blöde Fragen? Ich mag zwar ein Bauer sein, aber ich bin deswegen nicht ungebildet. Zumindest nicht so wie die meisten anderen Bauern. Ich…“
„Entschuldige“, unterbrach ich seinen Redeschwall, „du hast Recht, es war eine blöde Frage.“
Mir entging nicht, dass Clarias Lächeln einem neugierigen Gesichtsausdruck wich. Ich kam mir vor wie in einem billigen Roman. Ein äußerst billiger und abgedroschener Schinken. Wie auch immer, ich sollte unbedingt vorsichtiger mit meinen Fragen sein.
„Ich glaube ich sollte gehen. Ich, ähhh, muss heute unbedingt noch jemanden treffen.“
Ok, auch nicht gerade vertrauensschaffend. Aber ich war mir sicher, das Pakras mir da trotzdem nicht krumm nahm.
Pakras und Claria tauschten einen seltsamen Blick aus. Er war ein netter Mensch und hatte mir zudem noch das Leben gerettet. Jedenfalls war ich mir sicher, dass wenigstens er ein Mensch war. Ich schüttelte beiden die Hände und machte mich wieder auf den Weg.
„Oh, warte kurz!“, rief mir Claria hinterher. Ich drehte mich, aber sie war bereits im Haus verschwunden. Gleich darauf kam sie wieder mit einem kleinen Bündel und einer abgewetzten Tasche heraus.
„Hier, du bist ja sicher noch eine Weile unterwegs und die Tasche schenk ich dir, damit die Hände frei hast, wenn due durch die Berge kommst.“
‚Berge? Das heißt ja, dass es anstrengend wird. Na klasse…‘
Ich bedankte mich so herzlich es nur ging und machte mich von dannen. Noch war da Wald und keine Berge. Vielleicht hatte sie ja auch übertrieben.

Wenigstens die Bäume kamen mir bekannt vor. Eichen, Buchen, Erlen, Kastanien, Birken…und alle in saftigem Grün. Blau wäre auch zu abgefahren. Erstaunlicherweise bekam ich kaum Tiere zu sehen. Ein paar Fliegen und Vögel und einige Käfer, aber sonst tote Hose. Und Farrell. Farrell. Ja, Farrell. Ich war gerade ein paar Kilometer gegangen, als es direkt vor mir von einem tiefhängenden Ast auf den Boden sprang. Nach meinem ersten Gedanken (‚Oh Gott, der schon wieder!‘) und dem zweiten (‚Wie komm ich hier weg?!‘) fiel mir ein, dass ich im Prinzip auf Farrell angewiesen war. Ich blieb stehen.
„Was ist?“, fragte er.
„Ich weiß gar nicht wo ich hingehe. Die einzigen Orte, die ich hier kenne, sind der Baum und Pakras‘ Haus. Naja, und der Weg dazwischen.“
Farrell kicherte. „Und Utgard!“
„Nein.“
„Nein? Du hast doch gesagt, du kämst aus Beling hinter Utgard. Du bist vielleicht ein Schelm. Wo kommst du denn wirklich her?“
„Berlin.“
„Sag ich doch. Und das liegt nicht hinter Utgard?“
„Nein.“
„Und wo dann? Es ist ja nicht so, dass man einschläft und plötzlich woanders aufwacht.“
Farrell kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen.
„Doch.“
Und plötzlich erlebte ich was, was ich nie für möglich gehalten hatte: Farrell verstummte. Ja wirklich, er hielt endlich die Klappe.
So hatte ich Zeit meine Geschichte zu erzählen (gekürzt auf den Teil kurz vorm Einschlafen bis zu seiner Ankunft). Ich glaubte nicht, dass Farrell von alledem viel verstand, die Sache mit dem Baum aber ganz sicher. Und so fand er auch seine Stimme wieder.
„Das ist verrückt.“
„Ich weiß.“
„Und was jetzt?“
„Keine Ahnung, ich bin nur ein Eichhörnchen.“
Tolle Ausrede. Aber Recht hatte er.
„Vielleicht…nein…oder…nein…“ Farrell versank in einem Selbstgespräch. Ich machte es mir auf einem Stein am Wegesrand bequem. Es war witzig dem kleinen Kerl beim Nachdenken zuzuschauen. Wie ein seniler Professor schritt, oder besser trippelte, er auf und ab, schaute mal hier mal dort, nach oben und unten. Ein Wort hier, ein Kopfschütteln da.
Mich machte das hungrig. Claria sei Dank konnte ich ein duftendes Stück Käse und einen hinreißendes Vollkornbrot auspacken. Farrell schien offenbar meinen Geschmack zu teilen, denn der Käse ließ ihn innehalten. Mit zwei Sätzen sprang er zu mir und grinste mich an.
„Ohhh ja, Mittagessen. Eine feine Idee!“
Es sprach nichts dagegen. Ein so kleines Tierchen würde ja nicht viel essen. Ich brach ihm ein Stück Käse ab. Das Brot verschmähte er („Ich bin ein Eichhörnchen; Körner finde ich überall!“).
‚Gut, dann bleibt mehr für mich.‘
„Ist dir was eingefallen?“, fragte ich.
„Ja. Aber ich glaube nicht, dass dir das gefällt. Die meisten glauben nicht daran, obwohl jeder die Geschichte kennt.“
„Ein Märchen?“
„Mythos.“
„Mythos. Wunderbar, erzähl!“
Und Farrell startete einen unaufhörlichen Wortschwall, der alsbald die Schallmauer durchschlug und den ich hier nur als Zusammenfassung wiedergeben will:
In Utgard (immer wieder Utgard, Utgard, UTGARD!!!) gibt es einen Mann, so hatte Farrell gehört, der eine seltsame Geschichte erzählte. Ein Magier hinter dem Tirallgebirge (das angeblich noch keiner überquert habe) hätte ihn zu sich gezaubert. Er stamme aus einer so seltsamen Welt wie ich und wüsste wo der Magier zu finden sei. Das wäre wohl meine einzige Chance in meine Welt zurückzukehren.
Vielversprechend. Warum auch immer der Magier mich auf einem Baum abgesetzt hatte. Vielleicht war ja etwas schiefgelaufen. Oder er war nicht die Ursache für mein Problem. Wie auch immer, er war offenbar meine einzige Chance.
„Dann auf nach Utgard. Kommst du mit?“, fragte ich Farrell.
Er kicherte. „Zu Fuß?“
„Wie sonst. Ist es weit?“
Ja, wir brauchen ein Pferd.“
„Oder ein Auto“, murmelte ich.
„Auto? Ist das schneller als ein Pferd?“
„Ja, sehr viel schneller.“
„Und wo leben diese Autos?“
„Sie leben nicht, es ist sowas wie ein Pferdewagen. Nur ohne Pferd.“
„Dann bauen wir eben ein Auto.“
„Das geht nicht. Das ist viel zu kompliziert.“
„Also doch ein Pferd.“
Und so machten wir uns auf den Weg in die nächste Siedlung, ein kleines, nettes Dorf namens Palibrum, durch das der Weg direkt hindurchführen sollte. Etwa vier Stunden zu Fuß.

Meine Füße schmerzten und es gab keine Aussicht auf ein Blasenpflaster. Ein normales Pflaster wäre mir auch recht gewesen, aber so wie das Dorf aussah wäre es auch aus Holz gewesen. Doch es war wenigstens ein wenig Zivilisation, wenn auch mittelalterlich. Normalerweise hätte ich so etwas romantisch gefunden, doch sobald man weiß, dass es echt ist, wünscht man sich zurück nach Hause. Zumindest mir geht es so.
Mittelalterlich betrachtet war Palibrum schön: Keine dreckigen Straßen, keine kaputten Häuser, alle Menschen, die man antraf, wirkten irgendwie – glücklich.
„Ich kenne eine nette Kneipe hier“, flötete mir Farrell entgegen, „da können wir übernachten.“
„Klingt…vielversprechend“, entgegnete ich zögernd. Natürlich war ich wenig begeistert von der Idee. Andererseits hatten sich seine Entscheidungen bisher immer als günstig herausgestellt. Also los.
„Aber ich habe kein Geld.“
„Das werden wir schon irgendwie regeln. Die Leute hier kennen mich.“
‚Oh ja, das wird uns äußerst weiterbringen. Ich vermute die Leute lieben dich hier!‘ Ich war geneigt diesen Gedanken auszusprechen, konnte mich aber noch zurückhalten.
„Na dann los.“
So gingen wir also über die Hauptstraße, vorbei an all den beneidenswerten Holzhäusern, -hütten und
-hüttchen in Richtung der untergehenden Sonne. Auf dem Weg kamen uns ein paar schwanzlose Hunde entgegen. Farrell machte es sich auf meiner Schulter bequem („So geht’s schneller! Du bist jetzt mein Autao“ – „Auto“ – „Auta“ – „AUTO“ – „Sag ich doch“ – „Nein, hast du nicht“ – „Doch, Auto, Auto, AUTO, AUTO…“ – „Jajaja, ist ja gut“).
„Wow, deine Welt gefällt mir“, strahlte ich Farrell an.
„Warum?“, entgegnete mein Kumpane.
„Es ist einfach wunderschön hier. Keine Bettler, keine Armen, alle sind glücklich und zufrieden.“
„Oh, das, nein, nein, nein, Palibrum ist doch nur ein Musterdorf.“
Ich war erstaunt, schockiert und unglaublich neugierig. „Musterdorf?“
„Ja. Hier werden die neuesten Häuser ausgestellt. Jeder kann hier herkommen und sie sich anschauen. Irgendjemandem ist mal aufgefallen, dass die Häuser allzu öde wirkten, wenn sie leer sind. Ihr Menschen habt einfach keine Vorstellungskraft. Deshalb hat Königin Amariel beschlossen Palibrum bauen zu lassen und eine Ausschreibung im ganzen Reich gemacht, wer darin wohnen wolle, mit der Auflage, dass die Häuser tagsüber jederzeit von interessierten Fremden betreten werden dürfen und die Bewohner mit Rat und Tat zur Seite stehen müssen. Einige wurden dann ausgewählt, das Dorf gebaut und hier steht es nun. Wenn du mich fragst, ich glaube nicht, dass die Bewohner sehr glücklich sind. Immerhin werden jedes Jahr einige Häuser abgerissen und neue gebaut. Tja, da ist jeder mal dran, egal ob er will oder nicht. Das haben die Tester sicher nicht bedacht.“
Autsch. Diese Welt war noch verrückter, als ich mir vorstellen konnte.
Inzwischen senkte sich die Sonne weiter dem Erdboden entgegen. Obwohl sie ihn noch nicht erreicht hatte, war es schon relativ dunkel und kühl; vor allem durch die Schatten der Häuser, die in einer langen Reihe die geräumige Hauptstraße säumten. Die meisten waren entweder ein oder zwei Stockwerke hoch.
„Hier rechts“, unterbrach Farrell meine Gedanken.
Ich schaute nach rechts. Eine kleine Gasse schob sich von der Hauptstraße weg. Auch sie war strahlend sauber. Also verließen wir die Hauptstraße und tingelten durch die Gasse weiter.
„Ist es noch weit bis zu dem Gasthaus?“, fragte ich. Meine Füße waren kurz vorm Zerfall. Sogar die Blasen hatten schon Blasen. Ich erwartete jeden Moment einen großen Knall in dem sich meine Füße auflösen würden. Der Knall blieb aus.
„Gleich da vorne.“ Farrell deutete auf ein kleines Gebäude (aus Holz!) kurz bevor die Gasse einen Linksknick machte und unseren Blicken entschwand. Es war dreigeschossig und etwas schief.
„Also, das würde ich nicht kaufen.“
„Kann man auch nicht. ‚Zum köstlichen Baumstumpf‘ heißt es, gehört Kamoriel, einer Blutelfe, und ist das einzige Gebäude, das nicht zum Verkauf steht, beziehungsweise nicht bestellt werden kann. Es wurde nachträglich gebaut und wird als einziges nicht umgebaut.“
„Na, dann los!“
Und so betraten wir den ‚köstlichen‘ Baumstumpf. Die Luft war ein wenig muffig, so als hätte man hier schon lange nicht mehr gelüftet. Die Kundschaft möchte ich wie folgt beschreiben: Am ganz rechten Tisch 3 Zwerge, daneben ein freier Tisch, dann zwei männliche Elfen, noch ein freier Tisch, eine Art Mensch mit Katzenkopf und links ein paar zusammengerückte Tische um die sich etliche Kreaturen in allen Größen und Formen tummelten. Das ganze wirkte wie ein Trekkie-Treffen. Der größte war sicher 3 Meter groß, die kleinsten waren sicher auch Zwerge. Sie schienen sich gut zu amüsieren, denn es ging ein gigantische Lärm von diesem wilden Haufen aus.
Kamoriel selbst stand hinter dem Tresen, der sich über die ganze Rückwand des Hauses von links nach rechts erstreckte. Hinter ihr waren alle möglichen Flaschen und Fläschchen in Regalen aufgereiht. Unter ihnen waren alle Farben und Formen vertreten. Sie hatte auch spitze Ohren, aber ihre Gesichtszüge wirkten leicht asiatisch. Braunes, langes Haar fiel von ihrem Kopf auf ihren Rücken bis in etwa die Höhe ihrer Achseln. Es war gut gekämmt, mit einer Haarspange zusammengefasst und vorn wölbte sich ein Pony über ihre Stirn fast bis zu den Augenbrauen. Sie wirkte etwas gelangweilt und fuddelte mit einer Art Wischtuch in einem erdbraunen Becher herum.
„Bitte, nehmt Platz.“
Ihre Stimme war äußerst freundlich. Farrell und ich setzten uns an den freien Tisch zwischen den Katzenmenschen und den Außerirdischen. Das heißt, Farrell setzte sich auf den Tisch. Kamoriel griff nach zwei Gläsern und befüllte sie aus einer der Flaschen direkt hinter ihr bis zur Hälfte mit einer grünen Flüssigkeit. Dann schälte sie sich hinter der Theke nach vorn in den Gästebereich. Sie hatte eine sehr weibliche Figur: Nicht zu schlank aber auch nicht dick. Wohlgerundet. All das wurde verdeckt von hochgeschlossenen, langen Kleid das in der Farbe zwischen Aubergine und Flieder schwankte, je nach Lichteinfall. Verziert war es mit Stickereien von Blumen und auf der Brust zeigte es einen Baumstumpf, der mit allerlei Schüsseln und Schalen bestückt war die teilweise dampften. Dieses Kleid muss ein Vermögen gekostet haben, denn die Zierrate waren äußerst filigran aber trotzdem akkurat ausgeführt.
An unserem Tisch angelangt stellte sie jedem von uns eins der grüngefüllten Gläser hin schenkte uns sogar ein Lächeln: „Was kann ich euch beiden Hübschen…hey FARRELL!“ – „Kamoriel! Ich hab dich Ewigkeiten nicht gesehen. Wie geht’s dir Chimao?“ – „Ach, wie immer, du kennst mich doch, ich schlag mich durch.“ – „Hehe, darf ich dir meinen Freund Clemens vorstellen? Ich habe ihn auf einem Baum entdeckt.“ – „Das sieht dir ähnlich!“, kicherte sie, stupste ihn an und wandte sich an mich.
„Hallo, ich bin Kamoriel.“ – „Ich bin Clemens“, sagte ich und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie wich einige Zentimeter zurück.
Farrell versuchte die Situation zu entspannen: „Oh, er mag Elfen.“ Die Feindschaft zwischen Elfen und Menschen schien hier ausgeprägter zu sein, als ich dachte. Trotzdem nahm sie dann doch noch meine Hand an, gerade in dem Moment, als ich sie wieder zurückziehen wollte. Unser Händedruck war nicht gerade herzlich, aber es war angenehm, ihre erstaunlich große (sie war einen Kopf kleiner als ich) und warme Hand zu spüren.
„Also, was wollt ihr?“, sagte sie.
Farrell übernahm: „Wir nehmen einen Baumstumpf und ein Bett für eine Nacht.“
„Kannst du denn bezahlen?“, erwiderte sie stirnrunzelnd.
„Natürlich nicht. Aber wir können dir beim Aufräumen und Saubermachen helfen.“
Kamoriels Miene heiterte sich etwas auf. „klingt verlockend. Abgemacht.“
Farrell grinste. „Abgemacht.“
Und so verschwand sie wieder hinter ihrem Tresen. Auf dem Weg dahin nahm sie noch eine Großbestellung der Aliens entgegen. Ich schwankte zwischen Müdigkeit und Hunger, war bereit einzuschlafen oder loszufuttern. Irgendwie musste ich mich wachhalten.
„Was bedeutet ‚Chimao‘?“, fragte ich Farrell.
„Es ist ein Kosename. Man verwendet ihn für Personen, die man sehr mag. Sowas wie beste Freunde.“
„Ohh.“ Ich war von mir selbst überrascht. Ich war eifersüchtig auf ein Nagetier. Für eine Frau, die ich nicht kannte. Ab ins Bett. „Würdest du es mir übel nehmen, wenn ich ohne Essen ins Bett gehen würde?“
„Was? Das kannst du nicht! Du weißt gar nicht, was du verpasst!“ – „Ich hols morgen früh nach.“ – „Aber das schmeckt nur frisch.“ – „Dann morgen Abend.“ „ok, ok. Ich komm dann nach.“
Ich stand auf und ging zu unserer Wirtin an den Tresen. Ihre noch aufgeheiterte Miene wich einer enttäuschten. Mit einem leichten Seufzer drehte sie sich um, griff nach einem Schlüssel und reichte ihn mir.
„Die Treppe hoch“, sie deutete auf eine Treppe hinter den Zwergen, „dann die zweite Tür links.“
„Danke. Ich wird morgen mein bestes beim Aufräumen geben.“
„Das hoffe ich, sonst werde ich ungemütlich.“ Ihr Lächeln kehrte zurück.
Ich nahm den Schlüssel und machte mich auf den Weg über die hölzerne Treppe nach oben. Es gingen je vier Türen links und rechts des Ganges ab. Ich nahm die zweite links. Es machte etwas Mühe den Schlüssel in das leicht vergammelte Schloss zu stecken und er drehte sich auch nicht besonders geschmeidig; umso erfreuter war ich, dass es in der Kammer nach etwas Lavendelähnlichem roch und ein gemütlich anmutendes Bett gleich unter dem Fenster stand. Es war einladend und ich ließ keine Zeit verstreichen mich auszuziehen und es zu belagern. Es dauerte nicht lange und der Mantel des Schlafes ließ mich trotz des Lärms von unten aus dieser Welt entfliehen.

 

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