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Stille Alternative

Letzte Änderung: 09.05.2009

Alternative 1

Schwarze Stille.

"Hilfe, ich kann nichts mehr sehen!", schreit er. "So helft mir do...nein, das Kind, das Kind! Ich habe das Kind überfahren. Das Kind!"
Dann verstummt er kurz und bricht schließlich in Tränen aus.
"Das Kind!", schluchzt er. Immer wieder "Das Kind!".
Stille.
Schluchzen.
"Was ist mit dem Kind?", fragt er zögerlich und immer noch ganz aufgelöst.
Stille.
"Was ist mit dem Kind?", schreit er.
Stille.
"Wo bin ich?" Unruhig versucht er nach seinem Auto zu tasten. Auch mit ausgestreckten Armen kann er weder sein Armaturenbrett, noch seinen Sitz und auch nicht den Beifahrersitz erreichen. Er scheint in einer Art Schwebezustand zu sein. Er kann nichts fühlen. Er kann nicht einmal sich selbst fühlen.
"Wo bin ich?", schreit er wieder. "Warum habt ihr mich hier hergebracht? WO BIN ICH?"
"Schrei nicht so", kommt endlich die Antwort.
"Wer bist du? Wo bin ich? Warum bin ich hier? Wo ist mein Auto? Warum..."
"Versuch erst einmal dich zu beruhigen."
Er versucht es. Es dauert eine Weile, doch dann fühlt er sich beruhigt.
"Wo bin ich?", fragt er ruhig.
"Hier", kommt prompt die Antwort.
"Warum ist es hier so dunkel?"
"Es gibt keinen Raum hier, also auch kein Licht."
"Dann kann ich hier ebenfalls nicht existieren!", schlussfolgert er.
"Doch, dafür sorge ich schon. Mach dir keine Sorgen darüber."
Das saß.
"Bist du Gott?", traut er sich zu fragen.
"Ich denke schon."
"Dann bin ich im Himmel? Nein, in der Hölle, das kann unmöglich der Himmel sein."
"Nein."
"Nein?"
"Nein."
"Wo bin ich dann?"
"Das spielt keine Rolle."
So kann er also nichts Sinnvolles in Erfahrung bringen. Er muss es von einer anderen Seite probieren.
"Wo ist das Kind. Ich war gerade eben noch in meinem Auto und habe ein Kind überfahren..."
"Fiona."
"Fiona. Ich kenne sie nicht. Sie ist plötzlich vor mein Auto gerannt. Ich habe..."
"Ich weiß, was du hast."
"Aber warum?"
"Das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass du dir der Entscheidung klar wirst."
"Was meinst du damit?"
"Es ist alles eine Abfolge von Entscheidungen. Vielleicht willst du deine Entscheidungen nochmals überdenken, dann kannst du was ändern."
"Wie soll das gehen?"
"Was hast du getan?"
"Ich habe das Kind überfahren."
"Warum hast du das getan?"
"Weil es vor mein Auto gerannt ist."
"Nein, nein, nein. Das Ganze ist viel komplexer. Was ist unmittelbar vorher passiert?"
"Ich habe der Blondine nachgeschaut."
"Genau. Was wäre passiert, wenn du nicht der Blondine nachgeschaut hättest?"
Er stutzt. Wäre es wirklich möglich...?
"Ich hätte das Kind vielleicht eher bemerkt und hätte rechtzeitig bremsen können."
"Vielleicht. Willst du es ausprobieren?"
"Ist das ein Scherz?"
"Nein, mein Junge. Probier es doch aus..."

Alternative 2

Er fährt die Straße entlang. Er ist nicht zu schnell unterwegs, nur ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, gerade so, dass man keinen Strafzettel bekommen kann. Aber immer noch langsam genug um rechtzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Er darf keinen Blick riskieren. Da steht die Mutter mit dem Kind an der Ampel. Das Kind schaut auf die Ampelmännchen. Zum kritischen Zeitpunkt wird immer noch das rote leuchten, doch das Kind wird losrennen. Er bremst. Das Kind rennt los. Die Mutter schreit. Der Wagen hinter ihm rammt ihn mit voller Wucht und schiebt ihn auf das Kind...

Schwarze Stille.

Es kommt ihm bekannt vor.
"Ich habe eher gebremst, aber das Kind ist trotzdem tot."
"Das stimmt. Aber du hast es versucht."
"Das hilft mir aber nicht weiter. Es ist sogar noch schlimmer, weil der Autofahrer hinter mir auch verletzt ist."
"Ja, stimmt. Du hast eine Alternative probiert."
"Aber was soll ich noch tun. Was kann ich tun."
"Eine andere Alternative probieren."
"Wie?"
"Tu einfach etwas anderes."
"Du sagst das so einfach."
"Ja, weil es einfach ist. Du hast bereits von der Blondine gelassen. Was kannst du noch tun?"
Er überlegt eine Weile.
"Ich könnte ausweichen!"

Alternative 3

Er fährt die Straße entlang. Er ist nicht zu schnell unterwegs, nur ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, gerade so, dass man keinen Strafzettel bekommen kann. Aber immer noch langsam genug um rechtzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Er darf keinen Blick riskieren. Da steht die Mutter mit dem Kind an der Ampel. Das Kind schaut auf die Ampelmännchen. Zum kritischen Zeitpunkt wird immer noch das rote leuchten, doch das Kind wird losrennen. Er darf nicht bremsen. Das Kind rennt los. Er weicht in einem großen Bogen aus. Die Mutter schreit. Das entgegenkommende Fahrzeug hupt und weicht ebenfalls aus. Und rammt das Kind mit voller Wucht...

Schwarze Stille.

"Ich habs vermasselt."
"Das würde ich nicht sagen. Du bist dem Kind ausgewichen."
"Aber es ist trotzdem tot."
"Das ist die Konsequenz deiner Entscheidung."
"Ich will aber, dass das Kind lebt."
"Das liegt nicht in deiner Macht. Du kannst die Zukunft nicht vorherbestimmen, du kannst nur Entscheidungen treffen und musst mit den Konsequenzen klarkommen."
"Kannst du die Zukunft vorhersehen?"
"Vielleicht."
Das befriedigt ihn nicht.
"Schick mich zurück!"
"Warum?"
"Ich will es noch einmal probieren."

Alternative 4

Er fährt die Straße entlang. Er ist nicht zu schnell unterwegs, nur ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, gerade so, dass man keinen Strafzettel bekommen kann. Aber immer noch langsam genug um rechtzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Er darf keinen Blick riskieren. Bald kommt die Mutter mit dem Kind an der Ampel. Er biegt vorher in eine Seitenstraße ein. Eine große Last fällt von seiner Seele herab. Dann hört er ein Quietschen und einen Schrei.

Schwarze Stille.

"Warum tust du mir das an? Warum muss dieses dreijährige Kind sterben?"
"Fiona ist erst zweieinhalb."
"Was soll das Ganze? Ist das ein Test?"
"Ein Test? Nein. Warum sollte ich dich testen?"
"Du bist Gott. Gott testet die Menschen ab und zu, so wie er Hiob getestet hat."
"So steht es in der Bibel."
"Ja, also was muss ich tun?"
"Entscheide dich!"
"Egal wie ich mich entscheide, das Kind stirbt."
"So hat es den Anschein für dich."
"Sag mir, wie ich es retten kann?"
"Entscheide dich!"

Alternative 5

Er fährt die Straße entlang. Er ist nicht zu schnell unterwegs, nur ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, gerade so, dass man keinen Strafzettel bekommen kann. Aber immer noch langsam genug um rechtzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Er darf keinen Blick riskieren. Bald kommt die Mutter mit dem Kind an der Ampel. Er zieht den Wagen ruckartig rechts herum und mit einem lauten Knall prescht er gegen eine Mauer.

Schwarze Stille.

"So, da bin ich wieder. Jetzt bin ich wohl tot, aber das Kind lebt."
"Nein, das stimmt so nicht ganz."
"Was meinst du?"
"Es lebt noch."
"Ich habe es nicht überfahren. Warum sollte es trotzdem sterben?"
"Dein Hintermann hat Fiona erfasst. Er war ganz erschrocken als du dein Auto gegen die Wand gesetzt hast. Er hat zu dir hingeschaut und das Kind übersehen. Es liegt nun schwerverletzt am Fahrbahnrand. Wenn der Notarzt eintrifft wird es bereits tot sein. Auch die Wiederbelebungsversuche werden vergeblich sein."
"Warum tust du das?"
"Warum tu ich was?"
"Warum muss dieses Kind sterben. Warum können wir es nicht dabei belassen, dass ich draufgehe?"
"Darüber habe ich keine Macht. Ich weiß nur, dass für dieses Kind die Zeit gekommen ist."
"Es ist vielleicht drei Jahre alt..."
"Zweieinhalb."
"Dann eben zweieinhalb. Es hat das ganze Leben noch vor sich."
"Nein, es wird heute sterben. An dieser Kreuzung."
"Also habe ich keine Wahl."
"Doch, die hast du."
Er denkt nach. Das ergibt alles keinen Sinn.
"Wie soll ich mich entscheiden?"
"Das liegt ganz bei dir. Ich gebe dir nur die Möglichkeit die Alternativen abzuwägen."
Er überlegt weiter.
"Warum muss dieses Kind sterben?"
"Das würdest du nicht verstehen."
"Erklär es mir."
"Also gut: Der Plan sieht es vor."
"Welcher Plan?"
"Der göttliche Plan. In ihm habt ihr eine gewisse Entscheidungsfreiheit, aber das Ergebnis ist immer gleich. Ich habe mir gleich gedacht, dass es ein Fehler war Kreaturen mit einem so großen Gehirn hervorzubringen. Der Plan ist ganz offensichtlich fehlerhaft."
"Also sind wir ein Spielzeug für dich...oder euch?"
"Nein."
"Was dann?"
"Du bist ein Mensch."
"Und du ein Gott. Oder der Gott."
"So hast du mich tituliert...aber bleiben wir beim Thema. Du musst dich entscheiden..."

Alternative 6

Er fährt die Straße entlang. Er muss sich schnell entscheiden. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Diesmal reißt er das Lenkrad nach links und hält direkt auf sie zu. Ein kurzer, erstickter Schrei, dann verstummt sie auf der Motorhaube. Er nimmt sich keine Zeit zu schauen, was er eigentlich angerichtet hat, er hat nur Blicke für das Kind. Seine Mutter ist gerade im Begriff auf die Blondine zuzurennen, als sie über das Kind, Fiona, stolpert. Er streckt die Hand aus, will rufen, doch das Kind stürzt vornüber auf den Bürgersteig und bleibt liegen.

Schwarze Stille.

"Es wird an seiner schweren Kopfverletzung sterben..."
"Ja, ein langsamer, qualvoller Tod. Bis er eintritt wird das Kind große Schmerzen haben."
"Das ist grausam."
"Das ist der Plan."
"Dieser bescheuerte Plan..."
"Ohne ihn gäbe es dich nicht."
"Ich hasse ihn!"
"Das solltest du nicht."
"Aber er tötet dieses Kind!"
"Nein, das tut er nicht. DU tötest das Kind."
"Ich habe keine Wahl."
"Doch die hast du."
"Egal wie ich mich entscheide, das Kind stirbt immer."
"Ja, das stimmt."
"Warum darf es nicht leben und irgendwann einmal im Alter sterben, wie andere Menschen?"
"Wer sagt dir, dass Fiona nicht im Alter von 16 Jahren an einer Grippe stirbt? Oder mit 18 einen Autounfall hat? Oder, dass sie..."
"Das reicht. Und trotzdem ist das nicht richtig."
"Zu entscheiden was richtig ist und was nicht sollte nicht von die entschieden werden."
"Warum?...Ach ja, der Plan."
"Nein."
"Nein?"
"Nein, nicht der Plan des Lebens. Entscheidungsfreiheit ist eine Illusion. Es liegt in eurer Natur richtig und falsch falsch einzuschätzen. Das ist das Laster eures Gehirns, eures Intellekts, euer Intelligenz."
"Ich kann nichts dagegen tun."
"Das stimmt, aber du kannst dich entscheiden."
"Was für einen Unterschied macht das, wenn das Ergebnis sowieso immer das gleiche ist?"
"Das musst du selbst herausfinden."

Alternative 7

Er fährt die Straße entlang. Er ist nicht zu schnell unterwegs, nur ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, gerade so, dass man keinen Strafzettel bekommen kann. Aber immer noch langsam genug um rechtzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Da steht die Blondine. Er riskiert einen Blick. Bald kommt die Mutter mit dem Kind an der Ampel. Sein Herzschlag beschleunigt sich. Das Kind rennt los. Er bremst. Das Quietschen der Bremsen mischt sich mit dem Schrei der Mutter. Ein dumpfer Schlag; das Kind liegt reglos am Boden.

Schwarze Stille.

Er schlägt die Augen auf. Mehrere Autos blockieren die Straße, Menschen rennen zur Unglücksstelle hin, einige telefonieren mit ihren Handys. Die Mutter schreit immer noch wie am Spieß. Jemand trommelt gegen die Fahrertür.

"Es tut mir leid, Fiona, ich konnte nicht anders", murmelt er in Gedanken. Spöttisch fügen sich Gedanken an, dass er doch anders kann.

Aber er hat seine Entscheidung bereits getroffen.

Er schließt die Augen.

Stille.

Stille, mit der er von nun an leben muss und die ihn jeden Tag aufs neue an seine Entscheidung erinnern wird.

 

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Das bin ich.Jac de Lad
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